Der Film des Jahres: „Toni Erdmann“

Der deutsche Wettbewerbsbeitrag in Cannes kommt diesen Donnerstag in die Kinos

Filmpremiere am 05.07.2016 in Essen

Hauptdarstellerin Sandra Hüller und Regisseurin Maren Ade bei der Filmpremiere am 05.07.2016 in der Lichtburg in Essen
(Photo: Roger Weil – Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Ines Conradi (gespielt von Sandra Hüller) steht als Unternehmensberaterin in Bukarest unter besonderem Druck, sie muss für ihr Unternehmen bei einem wichtigen Kunden einen Auftrag akquirieren. Da kommt der plötzliche Besuch ihres einsamen Vaters Winfried (Peter Simonischek) äußerst ungelegen. Vater und Tochter, er ein leicht verlotterter Alt-68er, sie eine ehrgeizige Karrierefrau, sind sich fremd und stehen einander weitgehend sprachlos gegenüber. Ines fühlt sich durch Winfrieds platten Humor vor ihren Geschäftspartnern blamiert und drängt den Vater zur schnellen Abreise. Winfried verschwindet als Vater aus Ines‘ Bukarester Leben und kehrt aber als „Coach Toni Erdmann“ zurück – maskiert mit einer trashigen Langhaarperücke und einem Dracula-Plastikgebiss. Und durch diese Veränderung wird auch aus Ines eine Andere. Das ist die auf den ersten Blick nicht sehr spektakuläre Geschichte, die uns Maren Ade mit ihrem dritten Spielfilm „Toni Erdmann“ erzählt.

Der Film war auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes der Publikums- und Kritikerliebling – wurde aber von der Jury dennoch mit keinem Preis bedacht. Das Besondere an „Toni Erdmann“ ist, wie Maren Ade die Geschichte erzählt, wie sie die beiden Hauptfiguren Ines und Winfried zeichnet, wie Sandra Hüller und Peter Simonischek ihre Rollen gestalten. Auf der Oberfläche von Winfrieds derber Witzigkeit entfaltet sich eine Abfolge komischer Situationen, die das Essener Premierenpublikum das eine oder andere Mal laut aufkreischen lässt, und die schließlich in einem außergewöhnlichen Geburtstagsbrunch von Ines ihren Höhepunkt finden. Vor dem Brunch gibt es auch eine Szene, die die Zuschauer in der Essener Lichtburg zu einem spontanen, warmen Applaus provoziert – natürlich wird diese Szene hier nicht verraten.

Und dennoch ist „Toni Erdmann“ keine Komödie, denn unterhalb der komischen Oberfläche wird ein Lebensdrama über Einsamkeit, Entfremdung, Liebe und Tod erzählt, ein Drama, das unter die Haut geht und dort lange verweilt. Wie Sandra Hüller und Peter Simonischek ihre Figuren mit Leben füllen – durch knappe Sätze, durch linkische Gesten, durch fallende Masken und durch, ja doch, Humor – das ist schauspielerische Klasse. Der Regisseurin Maren Ade ist mit der besonderen Zwei-Ebenen-Erzählweise eines Dramas unter einer Komödienschicht ein Meisterwerk gelungen. „Toni Erdmann“ ist der Film des Jahres.

„Toni Erdmann“ läuft ab 14. Juli 2016 in vielen deutschen Programmkinos.

Der offizielle Trailer von „Toni Erdmann“ (Eingebettetes YouTube-Video)

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