Jack Bauer ist nicht mehr

Die US-amerikanischen TV-Serie „Designated Survivor“ zeigt einen Gegenentwurf zu Donald Trump.

Das Weiße Haus, der Amtssitz des US-amerikanischen Präsidenten

Das Weiße Haus, der Amtssitz des US-amerikanischen Präsidenten, in Washington D.C. (Photo: Юкатан – Lizenz: gemeinfrei)

Wenn „24“ die Politthriller-Serie der George-W.-Bush-Ära war, dann ist „Designated Survivor“ die Serie der Obama-Präsidentschaft. Kiefer Sutherland spielt in beiden Serien die jeweilige Hauptfigur.

Jack Bauer, der tapfere Regierungsagent aus „24“, verkörperte die Achse des Guten in einer nach 9/11 jahrelang traumatisierten US-amerikanischen Nation. Im Kampf gegen das Böse brachte Jack Bauer einige Opfer: er verlor seine Ehefrau, entfremdete sich von seiner Tochter und Freunde hatte er auch keine. Vor allem aber opferte Jack Bauer seine moralische Anständigkeit, im Kampf gegen das Böse foltert er immer öfter Verdächtige, lässt einen Freund auf dem OP-Tisch sterben und erschießt sogar seinen unschuldigen Vorgesetzten bei der Antiterrorbehörde. Jack Bauer macht solche Dinge nicht gern, aber es muss sein, um den schrecklichen Terror zu besiegen. Der Zweck heiligt die Mittel – das ist die fragwürdige Moral der Serie „24“.

In „Designated Survivor“ gibt es noch immer den Terror und er ist wirkungsmächtiger als je zuvor. Terroristen sprengen in Washington das Capitol in die Luft. Der US-Präsident, die Minister der Regierung, alle Parlamentarier und auch alle obersten Richter sind unter den Todesopfern. Die USA sind von einer Sekunde zur anderen führungslos. Gäbe es da nicht den „Designated Survivor“, eine Einrichtung im politischen System der USA, die solche Führungslosigkeit zu verhindern sucht.

Der „Designated Survivor“ ist ein ausgewähltes Regierungsmitglied, das bei einer Zusammenkunft der gesamten Staatsspitze von dieser separiert wird und sich währenddessen in einem besonders geschützten Raum aufhält. Im Falle eines Ausfalls der Staatsführung bleibt so wenigstens einer am Leben und kann nahtlos die Präsidentschaft übernehmen. Und genau das passiert in dieser neuen Serie des Fernsehsenders ABC. Kiefer Sutherland spielt den „Designated Survivor“ Tom Hickman, einen parteilosen, linksliberal ausgerichteten Wohnungsbauminister, der nun ganz plötzlich Präsident des mächtigsten Landes der Welt ist.

Tom Hickman steht vor großen Herausforderungen. Er muss als relativ unerfahrener Politiker das mächtigste Land der Welt führen. Dabei muss er das Attentat auf das Capitol aufklären, neues Personal für die Institutionen der Vereinigten Staaten aufbauen und rechte Politiker im Zaum halten, die die Angst vor dem Terror nutzen wollen, um eine anti-islamische und rassistische Agenda durchzusetzen. Anders als Jack Bauer bedient sich Tom Hickman in seinem Kampf gegen den Terrorismus keiner unlauteren Mittel, sondern hält die demokratischen Prinzipien der US-Verfassung tapfer aufrecht.

„Designated Survivor“ wird gekonnt spannend erzählt, man hätte es aber bei den ursprünglich geplanten dreizehn Folgen belassen können, denn in der dreizehnten Folge wird der terroristische Anschlag praktisch aufgeklärt und die Verfassungsorgane funktionieren auch wieder. In Folge 14 bis 21 werden zwar noch ein paar Hintermänner verfolgt, aber diese Folgen sind nicht mehr ganz so spannend, sie wirken angepappt an eine eigentlich runde Geschichte, um sie länger am Laufen zu halten.

Zu bemängeln ist auch die Eindimensionalität der Hauptfigur Tom Hickman, die nur anständig, sympathisch und gut ist und keine persönlichen Abgründe kennt, was im Fortlauf der Serie doch so manches Mal nervt. Kiefer Sutherland ist durchaus in der Lage auch differenzierte Charaktere zu verkörpern, das Drehbuch lässt es hier leider nicht zu.

In „Designated Survivor“, dessen Handlung überwiegend im Weißen Haus abläuft, wird jede Menge amerikanischer Verfassungs­patrio­tismus verabreicht, der vielen Menschen in den Vereinigten Staaten gerade in diesen Zeiten gut tun wird. Und so soll diese Serie, trotz der erwähnten Mängel, an dieser Stelle gelobt werden und auch den deutschen Serienschauern ans Herz gelegt werden. „Designated Survivor“ zeigt eine anständige, ehrenhafte USA, die es natürlich so nie gegeben hat, die aber eine Möglichkeit ist. Und das Erkennen von Möglichkeiten ist eine zwingende Vorausetzung für die Schaffung von besseren Wirklichkeiten.

Die erste Staffel von „Designated Survivor“ läuft in 21 Folgen auf Netflix. Eine zweite Staffel ist in Vorbereitung und soll am 27. September 2017 auf Sendung gehen.

Der offizielle Trailer von „Designated Survivor“ (Eingebettetes YouTube-Video)

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