Vier Gedanken zum Fall Böhmermann

Jan Böhmermann (März 2014)

Jan Böhmermann (Photo: Jonas Rogowski – beschnitten – Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Erster Gedanke

Es ist eine Schande, dass der Medienkünstler Jan Böhmermann wegen eines humoristischen Beitrags Morddrohungen erhält, die ihn zu einem Rückzug aus der Öffentlichkeit zwingen und ihn vermutlich noch weitergehender einschränken. Egal wie man zu den Erdoğan-Versen steht, man muss die Freiheit des Wortes und die körperliche Unversehrtheit von Jan Böhmermann verteidigen. Niemand hat das Recht auf Worte mit Gewalt zu reagieren. Man kann durchaus beleidigt sein und dieses durch verbalisierte Empörung, durch beleidigenden Gegenhumor oder von mir aus auch durch eine Strafanzeige ausdrücken. Aber ein Beleidigtsein durch Gewaltdrohungen ausdrücken, das geht gar nicht.

Zweiter Gedanke

Jan Böhmermann hat mit seinen Spottversen über den kleingewachsenen Despoten aus Ankara in einen wunden Punkt der deutsch-türkischen Staatsbeziehungen hineingestochen. Es wird in der deutschen Öffentlichkeit schmerzhaft klar, mit wem die deutsche Bundeskanzlerin da eine Partnerschaft zum Fernhalten von Flüchtlingen eingegangen ist. Durch den erfolgten Antrag von Erdoğan an die deutsche Regierung, eine bundesdeutsche Staatsklage gegen den Satiriker Böhmermann zuzulassen, wird Merkel geradezu gezwungen, sich gegen Erdoğan zu stellen. Der moralisch fragwürdige Menschenverschiebungs-Deal zwischen Merkel und Erdoğan droht zu platzen. Selten hat hierzulande eine Satire eine solche politische Wirkung erzielt. Chapeau, Herr Böhmermann!

Dritter Gedanke

In seinem Bestreben, den türkischen Staatspräsidenten zu provozieren, greift Jan Böhmermann tief in die Hassparolenkiste deutscher Ausländerfeinde. Türkischstämmigen Menschen in Deutschland dürften die von Böhmermann benutzten Invektiven wie „sein Gelöt stinkt schlimm nach Döner“ oder „am liebsten mag er Ziegen ficken“ nur allzu bekannt vorkommen. Die „Schmähkritik“ von Böhmermann ist Beate-Zschäpe-Humor. Damit wird nicht nur Recep Tayyip Erdoğan beleidigt, sondern alle Menschen, die in ihrem Alltag schon einmal als „Ziegenficker“ beschimpft wurden. Ein zielgenaues Beleidigen von Herrn Erdoğan hätte intelligenter formuliert werden müssen.

Vierter Gedanke

Auf der in der kulturjournalistischen Rezeption von Böhmermann oft herbeifabulierten Meta-Ebene erzeugt Böhmermanns Gesamtbeitrag, also das Gedicht plus seine moderative Einbettung, ein Wohlgefühl bei den ach so querdenkenden Verfolgten einer angeblich allmächtigen „Political Correctness“, die beim Anhören von Böhmermanns Versen begeistert aufschreien mögen: „Ui, ui, ui, hier traut sich einer was!“ Ein Gefühl, das diesen Leuten sonst Dieter Nuhr verschafft. Jan Böhmermann scheint aber kräftig genug zu sein, um sich aus dem Dieter-Nuhr-Tümpel wieder freizuschwimmen.

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