Von ganz links nach ganz rechts – der Weg des Jürgen Elsässer

Ein publizistischer Trommler am rechten Rand der AfD ist der aus Pforzheim stammende ehemalige Lehrer Jürgen Elsässer. Dieser Mann hat einen bizarren politischen Lebensweg hinter sich.

Jürgen Elsässer (2014)

Jürgen Elsässer (Photo: Karlsruher Friedensmahnwache – Lizenz: CC BY-NC 2.0 – Originalphoto beschnitten und coloriert)

In den 1980er Jahren war er Maoist und im Kommunistischen Bund (KB) politisch organisiert. Als sich diese K-Gruppe im Gefolge der deutschen Wiedervereinigung in zwei Flügel spaltete – in einen pragmatisch auf die PDS-orientierenden Flügel und in einen Flügel, der die politische Hauptaufgabe darin sah, das Wiedererstarken einer deutschen Nation zu verhindern – da gehörte Elsässer zu den Letzteren. Er schrieb einen Aufsatz „Warum die Linke antideutsch sein muss“ und wurde zum Sprecher einer antideutschen Bewegung mit ihrer Zeitschrift Bahamas. Der antideutsche Furor dieser Gruppe trieb damals seltsame Blüten – so schlugen sich die Antideutschen in den beiden Irakkriegen der NATO (1991 und 2003) jeweils auf die Seite der USA, da sie die Verteidigung Israels als den zentralen Zweck dieser Kriege zu sehen meinten. Diese Haltung isolierte sie zusehends von den restlichen Teilen der radikalen Linken. Elsässer musste die Redaktion der Jungen Welt verlassen, für die er bis 1997 schrieb und gründete mit Mitstreitern die Wochenzeitung Jungle World. Auch für das linke Monatsmagazin konkret, das sich in den 1990er Jahren zunehmend antideutsch ausrichtete, war Elsässer in jenen Jahren verantwortlich tätig.

Im Verlauf des Jahres 2002 im Rahmen der Diskussion über den bevorstehenden zweiten Irakkrieg wandte sich Elsässer von den Antideutschen ab und schied auch aus den Redaktionen von konkret und Jungle World aus. Er arbeitet in den nächsten Jahren zeitweise für die PDS/Linkspartei und schrieb für die der PDS nahestehenden Zeitungen Junge Welt und Neues Deutschland. Dabei vertrat er ausgehend von einem USA-kritischen Anti-Imperialismus zunehmend nationalrevolutionäre Positionen, die in der Entwicklung einer Querfrontstrategie mündeten, das meint ein Bündnis von linken und rechten Kräften gegen das „angloamerikanische Finanzkapital“. Die Wege von Elsässer und der PDS/Linkspartei trennten sich ab 2009 wieder.

Seit 2010 fungiert Elsässer als Chefredakteur der Monatszeitschrift Compact und ist auch ein Mitinhaber des Compact-Verlages.

Das Hochglanzmagazin Compact wird über den normalen Zeitschriftenhandel vertrieben und findet sich nicht nur in breitsortimentigen Bahnhofsbuchhandlungen, sondern auch in den Sortimenten von vielen Supermärkten und Kiosken – dabei liegt das Magazin oft auch in besonderen Verkaufsdisplays aus, die der Verlag dem Zeitschriftenhandel teuer bezahlen muss. Inhaltlich bietet Compact eine Mischung aus Kritik an Kriegen und Kriegsvorbereitungen der NATO, aus einem positivem Bezug auf traditionelle Familienwerte gegenüber einem diese Werte zerstörenden Gendermainstreaming, aus einer Befürwortung der Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin und aus einer Ablehnung der gemeinsamen europäischen Währung. Diese Inhalte werden zumeist verschwörungstheoretisch aufbereitet: geheime Mächte stecken hinter den Kriegen, der Kulturzerstörung, der EURO-Katastrophe und unterdrücken so die Völker, insbesondere das deutsche Volk. Am allgemeinen politischen Diskurs beteiligt sich Elsässer mit seinem Compact-Magazin nicht. Andere Medien werden von ihm als „Mainstreammedien“ benannt, diese sind für Compact Teil des Unterdrückungsapparates und belügen die Menschen („Lügenpresse“). Compact immunisiert sich so gegen einen kritischen Diskurs und wird zu einem Selbstverständigungsorgan einer verschwörungstheoretischen Szene.

Im Jahr 2014 unterstützt Elsässer die im Gefolge der Ukraine-Krise in mehreren deutschen Städten aufkommenden „Montagsmahnwachen“ und tritt dort regelmäßig als Redner auf. Die „Montagsmahnwachen“-Redner wenden sich gegen eine angebliche US-amerikanische Kriegstreiberei und bedienen sich dabei oft antisemitischer Stereotypen, in dem sie einzelne Kapitalisten jüdischer Herkunft (Rockefeller, Rothschild, Soros, Chodorkowski) als Hauptverantwortliche für eine große Verschwörung gegen den Frieden ausmachen. Neben dem Demo-Anmelder Lars Mährholz und Jürgen Elsässer sind der vom rbb entlassene Radiomoderator Ken Jebsen, der Schlagersänger Xavier Naidoo und der Linken-Bundestagsabgeordnete Dieter Dehm prominente Aushängeschilder dieses montäglichen Karnevals der Verschwörungstheoretiker, bei dem auch „Chemtrails“-Gläubige, „Reichsbürger“, „09/11-Truther“ und sogar NPD-Nazis mitmarschieren. (Siehe hierzu den informativen Wikipedia-Artikel „Mahnwachen für den Frieden“) Die Journalistin Jutta Ditfurth bezeichnet in diesem Zusammenhang Elsässer in einer Fernsehsendung als „glühenden Antisemiten“ und wird daraufhin von Elsässer auf Unterlassung verklagt. Das Landgericht München I gibt der Klage Elsässers statt, weil es die Latte für Antisemitismus sehr hoch legt. Für das Landgericht München I darf nur derjenige als Antisemit bezeichnet werden, der die Überzeugung der nationalsozialistischen Völkermörder voll und ganz teilt. Damit ist Elsässer fein raus, denn so dumm, sich positiv auf Hitler zu beziehen, ist er dann doch nicht. (Siehe hierzu den ebenfalls informativen Wikipedia-Artikel „Elsässer-Ditfurth-Prozess“)

2015, dem Jahr, in dem die vielen Geflüchteten nach Deutschland gelangen, rechtsradikalisiert sich Elsässer weiter.

Er agitiert verstärkt gegen den Flüchtlingszuzug und eine angebliche Islamisierung Deutschlands und überwirft sich dadurch mit den Organisatoren der „Montagsmahnwachen“, mit seinem islamischen Compact-Mitherausgeber Andreas Abu Bakr Rieger und sogar mit seinem Buddy Ken Jebsen. Elsässer findet neue Bündnispartner, er dockt bei der erstarkenden AfD an, unterstützt hier die ostdeutsche Seitenscheitelfraktion um „Bernd“ Höcke, André Poggenburg und Holger Arppe, redet jetzt montags bei der ausländerfeindlichen Bewegung Pegida in Dresden und ähnlichen Veranstaltungen in anderen Städten und solidarisiert sich sogar mit der krawalltätigen Schlägerbande Hogesa („Hooligans gegen Salafisten“), die sich in Köln eine spektakuläre Straßenschlacht mit der Polizei liefert. Ein Pegida-Demonstrant, der Angela Merkel und Sigmar Gabriel aufgehängt sehen will, darf sich im Compact-Magazin ausbreiten und auch der schwer verwirrte Schriftsteller Akif Pirinçci, der Kritiker der deutschen Flüchtlingspolitik als die neuen KZ-Opfer imaginiert, bekommt von Elsässer Sympathiepunkte. Der sich selbst als Intellektuellen inszenierende Neonazi Götz Kubitschek und die jungvölkische Bewegung „Die Identitären“ werden Elsässers neue Bündnispartner.

Und nun in diesem Jahr marschiert Jürgen Elsässer noch weiter nach rechts. In einem Werbefilm für sein Compact-Magazin führt Elsässer gegen Menschen aus Nordafrika an:

„Unser Thema: ‚Invasion aus Afrika – Zwanzig Millionen auf dem Weg nach Europa‘. Was das bedeutet, haben wir in der Silvesternacht in Köln gesehen: die Vergewaltigungen, die Grabschereien, die Belästigungen. Wir haben ja über eintausend Anzeigen von Frauen. Das sind nicht irgendwelche Männer gewesen, das waren auch nicht irgendwelche Ausländer, sondern nach polizeilichen Erkenntnissen waren die Täter allesamt Nordafrikaner. Das heißt gerade aus dieser Gruppe droht eine immense Gefahr, die sich jetzt auch fortsetzt in den Freibädern, auf den Sommerfesten. Diese Gruppe, das sind alles Männer, sind sexuell sehr aggressiv, verbinden Hormonüberschuss mit islamischer Überheblichkeit. Das ist die neue Welle, die auf uns zukommt. Die Bundesregierung hat die Einwanderungswelle aus dem nahöstlichen Raum, die so genannten ‚Syrer‘, verschlafen oder sogar ermuntert. Und jetzt sind wir dabei die nächste Welle zu kriegen, und wieder ist die Bundesregierung völlig passiv, lässt die Leute rein. Wir haben eine UN-Angabe vom September 2016, dass an der libyschen Küste zweihunderttausend Schwarzafrikaner warten auf die Einreise nach Europa, schon ihre Anträge gestellt haben. Diese Leute kommen nach Italien, denen wird geholfen von der EU-Flottille, der so genannten ‚Frontex-Flotte‘. Wenn Sie schiffbrüchig werden, wird ein Shuttle-Service eingerichtet. Die werden nicht einfach gerettet, was ja gut wäre, und dann zurückgebracht nach Afrika, sondern die werden geshuttelt an die italienischen Küsten, kommen dann über Norditalien, über Österreich, über die Schweiz nach Deutschland ins gelobte Land und gesellen sich da zu dem Bodensatz, der jetzt sowieso schon da ist.“

(Quelle: You-Tube-Video „COMPACT 10/2016: Invasion aus Afrika – Die Heftdiskussion“)

So ist das also bei Elsässer: ein schwarzafrikanischer Bodensatz überflutet unser Land und vergewaltigt die deutschen Frauen. Ganz klar ein Fall von Volksverhetzung nach §130 StGB. Herr oder Frau Staatsanwalt, bitte übernehmen Sie!

Und was sagt der Jürgen Elsässer des Jahres 2016 zum Holocaust?

Im Prozess gegen Jutta Ditfurth zwei Jahre zuvor hatte er noch behauptet in Distanz zu den Nazis zu stehen, die die das jährliche Gedenken an die Luftangriffe auf Dresden mit dem Schlagwort „Bombenholocaust“ missbrauchten. Am 16. Oktober in seiner Rede auf dem zweijährigen Geburtstag von Pegida schlägt er einen anderen Ton an:

„Und wir dürfen nicht zulassen, dass diese tausendjährige Geschichte auf zwölf dunkle Jahre zusammengestutzt wird, wie uns das die Umerziehungspropaganda weismachen will. Das deutsche Volk bereut die Verbrechen des Dritten Reiches, deswegen gibt es ja ein Denkmal für die ermordeten Juden in Berlin. Aber wo ist eigentlich in Istanbul das Denkmal für die ermordeten Armenier? Und wo ist in Washington das Denkmal für die ermordeten Indianer? Und wo ist in London das Denkmal für die ermordeten Dresdener? Wir dürfen nicht zulassen, dass das deutsche Volk erniedrigt wird und unter andere gestellt wird. Wir haben uns nicht zu verstecken, wir können stolz auf unsere Geschichte sein.“

(Quelle: You-Tube-Video „PEGIDA 2.Geburtstag 16.10.2016 Rede von Jürgen Elsässer Compact Magazin“)

Da ist er nun auch – der „Bombenholocaust“ des Jürgen Elsässer, der jetzt tatsächlich den Holocaust und die alliierten Bombenangriffe auf Dresden im Februar 1945 gleichsetzt und damit den Holocaust, wenn auch nicht leugnet, so doch relativiert.

Jürgen Elsässer ist auf seiner politischen Wanderschaft von ganz links nach ganz rechts nun angekommen.

Ein merkwürdiger politischer Lebensweg. Wie konnte es dazu kommen? Auch wenn man durchaus die Frage stellen darf, ob sich nicht ein intoleranter Rigorismus auf der politischen Linken auch leicht nach rechts wenden lässt, so muss doch konstatiert werden, solche politischen Wanderungen wie die von Elsässer sind in der deutschen Politik eher die Ausnahmen. Die ehemals linken Apo-Aktivisten Horst Mahler und Bernd Rabehl könnten hier noch als Beispiele angeführt werden. Diese beiden erreichten aber in ihrer noch andauernden rechtsextremen Phase ihres Lebens niemals den Einfluss von Jürgen Elsässer.

Die Bedeutung und Gefährlichkeit von Elsässer liegt in seiner Mittlerrolle zwischen erstens dem rechtspopulistischen Konservatismus der AfD, zweitens dem ausländerfeindlichen Pöbelmob (Pegida, Hogesa), drittens der Neonazi-Szene um Götz Kubitschek und „Die Identitären“ und viertens der Fangemeinde des russischen Diktators Wladimir Putin. In seiner Zeitschrift Compact und Veranstaltungen dieses Blattes bringt er regelmäßig Vertreter dieser Milieus zusammen.

Im Jahr 1992 veröffentlichte Jürgen Elsässer unter dem Titel „Antisemitismus – das alte Gesicht des neuen Deutschland“ ein auch heute noch lesenswertes Buch. Über die AfD des Jahres 2016 schrieb der Jürgen Elsässer von 1992:

„Das Sein bestimmt das Bewusstsein: die Umbrüche der modernen Gesellschaft prägen die Individuen. Losgelöst von moralischen und politischen Bindungen werden sie zur amorphen Masse von Utilitaristen und Egomanen, deren Frustration und Hass keine Grenzen kennt. Wer die Monaden zur Nation formiert, wird ‚Ruhe und Ordnung‘ im Rahmen der Volksgemeinschaft bewahren können. Für die anderen werden die Folgen umso schlimmer sein.“

(Quelle: Jürgen Elsässer, Antisemitismus – das alte Gesicht des neuen Deutschland, Dietz Verlag Berlin GmbH 1992, S.115)

Warum Elsässer diese Erkenntnisse nach und nach über Bord geworfen hat, warum er sich zu einem jener Menschen gewandelt hat, die er 1992 noch sachkundig und scharfzüngig auseinandergenommen hat, warum er im Laufe seines weiteren Lebens nicht klüger, sondern eindeutig dramatisch dümmer geworden ist, und warum aus einem anständigen Menschen ein ausländerfeindlicher Hetzer geworden ist, das muss weiterhin ein Rätsel bleiben.

Weiterführende Literatur:

Rechte Hetze – Wie der Publizist Jürgen Elsässer von Leipzig aus den Umsturz plant / „Wehe uns“, In: Kreuzer – Das Leipzig Magazin Nr. 04/16, S.18-27

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