Wilhelm Tell im Asylverfahren

Der Film „Schweizer Helden“ von Peter Luisi begeistert auf dem Filmfestival Locarno

Piazza Grande in Locarno

Piazza Grande in Locarno (Photo: Roger Weil – Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Die spektakulärste Kinobühne Europas steht im südschweizerischen Locarno auf der Piazza Grande. Einmal im Jahr Anfang August zum Filmfestival Locarno wird auf dem mittelalterlichen Platz die riesige Leinwand aufgebaut und das Publikum des Festivals mit den nicht so ganz schwierigen und etwas mainstreamigen Kinowerken beglückt. Das Kinopublikum der Piazza Grande darf dann über die gezeigten Filme abstimmen und der beste Film bekommt dann den mit 30.000 Schweizer Franken dotierten Publikumspreis verliehen.

In diesem Jahr konnte es nur einen Gewinner auf der Piazza Grande geben. Der Schweizer Film „Schweizer Helden“ von Peter Luisi nahm das Publikum im Sturm für sich ein, mehrmals wurde der Film von enthusiastischem Szenenapplaus unterbrochen, und am Ende gab es den mächtigsten Schlussapplaus, den der Schreiber dieses Artikels jemals in einem Kino vernommen hat. Wenn 8000 Menschen kräftig mit den Händen klatschen, das macht schon was her.

Und „Schweizer Helden“ ist auch wirklich ein guter Film. Er erzählt die Geschichte einer mittelalten von ihrem Ehemann verlassenen Pädagogin ohne Berufsabschluss, die in diesem Jahr von ihren Freunden nicht ins weihnachtliche St. Moritz eingeladen wird und nach einer sinnvollen Tätigkeit zur Ablenkung von ihrer Einsamkeit sucht. Durch Zufall gerät sie an ein Asylbewerberheim auf einem Alpenberg und will hier mit den Bewohnern, Asylbewerber aus den verschiedensten Ländern, nach einer psychodramatischen Methode deren Leid aufarbeiten. Dieses misslingt allerdings gründlich, da den Bewohnern nicht nach Psychospielen zumute ist. Dann aber kommen die Pädogogin und die Asylbewerber auf Wilhelm Tell, interessieren sich für das Schicksal des Schweizer Nationalhelden und beschließen, den „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller zu einer theatralen Aufführung zu bringen.

„Schweizer Helden“ ist ein lustiger Film, der mit einer liebevollen Komik die schauspielerischen Laien begleitet, bei ihren rührenden Versuchen, mit nur rudimentären Deutschkenntnissen den Schiller-Stoff in den Griff zu bekommen. „Schweizer Helden“ ist aber auch ein trauriger Film, der von der tristen, angsterfüllten und verzweifelten Realität der Asylbewerber erzählt – auch brutale Abschiebungen von Asylbewerbern werden in „Schweizer Helden“ nicht ausgeblendet. Der Film entgeht damit der Kitschfalle. Beim Anschauen gehen Tränen der Freude und der Rührung ganz schnell auch in Tränen der Trauer und des Zorns über.

„Schweizer Helden“ ist auf jeden Fall großes Gefühlskino, in das man nur mit einer großen Packung Tempo-Taschentücher hineingehen sollte. Hoffentlich kommt der Film bald auch in die deutschen Kinos.

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Ein Kommentar zu Wilhelm Tell im Asylverfahren

  1. Rocholl schreibt:

    Klingt interessant. Habe neulich einen Schweizer Film über einen kurdischen Einwanderer mit dem kurdischen Beruf Bienenzüchter gesehen. Hat mich auch sehr beeindruckt. Gruß Cordula.

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