Ein Anfang

Wenn jetzt wirklich die Bundeskanzlerin höchstselbst der Essener Tafel einen Besuch abstatten will, wie die örtliche Lokalzeitung WAZ spekuliert, dann ist ist das Palaver um die Essener Tafel endgültig an einen Punkt gelangt, der ganz weit weg ist von dem, was mal der Ursprung für die Aufregung war. 

Der Zugang zur Essener Tafel im Wasserturm in Essen-Südostviertel

Der Zugang zur Essener Tafel im Wasserturm in Essen-Südostviertel
(Photo: Roger Weil – Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Der Aufreger war doch: die Essener Tafel nimmt seit Mitte Januar als Neukunden keine Menschen ohne deutschen Pass mehr auf. Beschlossen und publiziert wurde dieser Ausländerstopp bei der Lebensmittelverteilung vom Vorstand der Essener Tafel schon im Dezember letzten Jahres. Der Vorsitzende der Essener Tafel Jörg Sartor rechtfertigt diese Maßnahme damit, dass deutsche Stammkunden sich in den Warteschlangen mit überwiegend Ausländern nicht mehr wohl fühlten und daher von der Lebensmittelverteilung wegblieben. Auch gebe es bei vielen Ausländern keine Anstellkultur und insbesondere die Syrer und Russlanddeutschen verfügten über ein „Nehmer-Gen“, führt Sartor weiter an. Über die arabischen Flüchtlinge sagt er: „Das ist ein Rudel.“ So weit, so ausländer­feindlich.

Nachdem die örtliche WAZ am 22. Februar erstmals über diese Regelung der Essener Tafel berichtete, setzte eine bundesweite Empörung darüber ein. Doch schon sehr bald mischten sich unter die Stellung­nahmen diverser Politiker und Journalisten Verständnis für das Vorgehen des Vorstandes der Essener Tafel. Es seien hier schließlich Ehrenamtliche am Werk, die es nicht verdient hätten, als Rassisten beschimpft zu werden. Der Ausländerstopp der Essener Tafel sei lediglich ein Hilfeschrei über unhaltbare Zustände an den Tafeln, die überfordert seien, den Ansturm der Hilfebedürftigen zu bewältigen. Und gerade Politiker, die durch ihre falsche Politik primär für die wachsende Armut verantwortlich seien, sollten sich zurück­halten, den sozial engagierten Helfern vor Ort Ratschläge zu erteilen. Dass es in einem reichen Land wie Deutschland überhaupt der Tafeln bedürfe, das sei doch der eigentliche Skandal.

Die angeführten Punkte der Verständnishaber mögen im Einzelnen richtig sein, aber dennoch ist es verfehlt, sie in der Debatte um die Essener Tafel anzuführen. Denn dass die Essener Tafel Menschen von der Lebensmittelverteilung ausschließt, nur weil sie Ausländer sind, das kann durch nichts gerechtfertigt werden und auch nicht durch gute Taten der Aktiven der Essener Tafel ausgeglichen werden. Das Agieren der Verantwortlichen der Essener Tafel bleibt ungeheuerlich. Es zeigt sich einmal mehr, dass die Ausländer­feindlichkeit, jahrzehnte­­lang ausschließlich das Geschäft der extremen Rechten, sich mittlerweile sogar in sozial engagierten Teilen der Gesellschaft eingenistet hat. Das muss uns große Sorgen machen, damit müssen wir uns beschäftigen.

Wenn die aus der sukzessiven Beseitigung der ersten deutschen Demokratie resultierende Maxime „Wehret den Anfängen!“ noch gelten soll, dann muss gesehen werden, dass die Diskriminierungs­­maßnahme der Essener Tafel und deren Akzeptanz durch große Teile der politischen Öffentlichkeit einer dieser Anfänge ist.

Hier werden jetzt viele Leserinnen und Leser sagen, das ist ja nun doch übertrieben, hier wird ein zu großer historischer Vergleich aufgemacht, die Maßnahme der Essener Tafel hat doch nicht das Potential, die zweite deutsche Demokratie zu gefährden. Diesen Leserinnen und Lesern möchte ich zu bedenken geben, dass es oft viele kleine Verschiebungen der gesellschaftlichen Tektonik sind, die zu einem irgendwann nicht mehr aufhaltbaren Rechtsrutsch führen können. Wir sollten unser Sensorium für diese Verschiebungen nicht stumpf werden lassen. Wenn wir uns nicht mehr trauten, Ausländer­­feinde, Rassisten und Antisemiten als solche anzuprangern, und sogar begännen, das Tun dieser Menschenfeinde schön zu reden, dann wären wir in der Tat schon ziemlich abgestumpft und selbst Teil eines Rechtsrutschs.

Und dann noch ein weiterer Satz von Jörg Sartor, bei dem es keines feinen Sensoriums bedarf, um zu erkennen, was hier aus Sartor herausdringt. Einem Spiegel-Reporter sagt der Vorsitzende der Essener Tafel diesen Satz: „Wir sind doch keine Unmenschen, keine Kanackenjäger.“ Ob diese Aussage zur Beruhigung der Bundeskanzlerin beiträgt und auch sie noch dem Herrn Sartor ihre Aufwartung machen wird? Wir werden sehen.

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