Als Hanns Joachim Friedrichs einmal Fake-News verbreitete und dadurch die Berliner Mauer fällte

Die Berliner Mauer

Die Berliner Mauer. Frederik Ramm)

Die Öffnung der DDR-Grenze zu Westberlin in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989, von der viele als „Mauerfall“ sprechen, hat 30. Jubiläum. Und wieder sind im Fernsehen die immergleichen Bilder zu sehen, das Bild vom stammelnden SED-Pressesprecher Günter Schabowski („Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort … unverzüglich …“) gehört dazu. Günter Schabowski habe durch seine Schusseligkeit den vorzeitigen Fall der Mauer herbeigeführt, so geht die Erzählung. Die verunglückte Pressekonferenz von Schabowski habe unmittelbar danach die DDR-Bürger in und um Ostberlin und auch sehr viele Westberliner veranlasst zur Mauer zu drängen und so sei es zu deren Öffnung gekommen. Eine schöne Erzählung, die aber leider nicht so ganz stimmt.

Der entscheidende Medienakteur dieses Abends ist nämlich nicht Günter Schabowski, sondern der Moderator der ARD-Tagesthemen Hanns Joachim Friedrichs.

Doch bleiben wir zunächst noch bei Schabowskis Pressekonferenz. Die verläuft nämlich gar nicht so chaotisch, wie es später kolportiert wird. Fast eine Stunde plätschert die Veranstaltung vor sich hin. Günter Schabowski berichtet von den Beschlüssen einer ZK-Tagung, von einer bevorstehenden Parteikonferenz, von Personalquerelen in Halle und von einem eingeleiteten Erneuerungsprozess der SED und der Gesellschaft. Bemerkenswert an der Pressekonferenz ist, dass ein führender SED-Funktionär sich kritischen Fragen der internationalen Presse und der ebenfalls kritischen DDR-Medien stellt und diese Fragen sachlich beantwortet.

In der 58. Minute der Live-Übertragung der Pressekonferenz fragt der italienische Journalist Riccardo Ehrmann nach dem Entwurf eines Reisegesetzes. Schabowski führt aus, im Sinne einer Erneuerung der Gesellschaft wolle man die Ausreise aus der DDR legalisieren und vereinfachen. Dabei betont er ausdrücklich, dass das nur ein Entwurf eines Reisegesetzes sei, das Gesetz sei noch nicht in Kraft. Um kurz danach anzumerken, man wolle jedem DDR-Bürger die ständige Ausreise über Grenzübergangspunkte möglich machen. Ein Journalist fragt, ab wann das denn in Kraft trete, und Schabowski liest dazu einen Beschluss des ZK der SED vor:

„Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen – Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse – beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Pass-­ und Meldewesen der VPKÄ – der Volkspolizeikreisämter – in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne daß dabei noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen. Damit entfällt die vorübergehend ermöglichte Erteilung von entsprechenden Genehmigungen in Auslandsvertretungen der DDR bzw. die ständige Ausreise mit dem Personalausweis der DDR über Drittstaaten.“

Wann es in Kraft trete, hakt der Journalist nach. Und nun Schabowski:

„Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort … unverzüglich …“

Später wird Schabowski noch danach gefragt, wass denn jetzt mit der Berliner Mauer geschehe. Er antwortet, dass die Mauer nun von DDR-Seite durchlässig werde, stelle noch nicht den Sinn einer „befestigten Staatsgrenze der DDR“ in Frage. Wenn aber BRD und NATO Abrüstungsschritte einleiteten, dann könne man auch über die Mauer reden.

Die Pressekonferenz von Günter Schabowski am 9. November 1989, 17:56-19:06 Uhr [siehe zur Ausreiseregelung ab Minute 57:34]
(Eingebettetes YouTube-Video)

Was ist nun die Essenz von Schabowskis Pressemitteilungen am 9. November 1989?

  1. Das dauerhafte Verlassen der DDR (im SED-Jargon „die ständige Ausreise“) wird nach Visaerteilung möglich sein.
  2. Besuche im Westen (im SED-Jargon „Privatreisen nach dem Ausland“) können voraussetzungslos beantragt werden.
  3. Die Mauer bleibt vorerst stehen.

Die Punkte 1 und 2 sind sehr erfreulich für die meisten Menschen in der DDR. Sie können erwarten, in nächster Zeit in den Westen zu fahren. Vielleicht können sie schon am nächsten Tag einen entsprechenden Antrag stellen. Auf die nächtlichen Straßen von Berlin treiben Schabowskis Verkündigungen die Menschen aber nicht.

Als um 21:45 Uhr, also fast drei Stunden nach Schabowskis Pressekonferenz, das heute-journal mit einer kurzen Filmeinspielung von der Mauer auf Sendung geht, da ist es in Berlin an der Mauer ruhig, sieht man von einem kleinen Häuflein Westberliner ab, die auf einem Hochstand am Reichstag „Tor auf“ Richtung Brandenburger Tor skandieren. Das Nachrichtenmagazin des ZDF berichtet sachlich über die angekündigte Reiseregelung: „Ab morgen können DDR-Bürger bei ihrer Polizeibehörde die notwendigen Reiseunterlagen abholen.“ Eine Live-Schalte zur Mauer gibt es im Verlauf der Sendung nicht.

Und dann um 22:42 Uhr, eine weitere Stunde später, schlägt die halbe Stunde von Hanns Joachim Friedrichs und seinen tagesthemen. Er moderiert das Thema des Tages mit folgenden Worten an:

„Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten; sie nutzen sich leicht ab. Aber heute abend darf man einen riskieren: Dieser neunte November ist ein historischer Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“

Es folgt eine Schaltung zum Berlin-Korrespondenten Robin Lautenbach. Und der berichtet genau das Gegenteil von Hanns Joachim Friedrichs. Die Mauer steht nämlich keineswegs offen, sie ist geschlossen. In Ostberlin sollen am frühen Abend ein paar Bürger gefragt haben, ob sie in den Westen dürften, und die DDR-Grenzpolizisten hätten diese auf den nächsten Morgen vertröstet, vermeldet Robin Lautenbach.

In einem kleinen Einspielfilm zitiert die Reporterin Christine Kolmar aus der Erklärung von Schabowski und schließt daraus: „Für Besuche in Westberlin und der Bundesrepublik müssen DDR-Bürger offensichtlich nur ihren Personalausweis vorlegen. Mit Besuchen in Westberlin kann man jetzt also jede Minute rechnen.“ Der erste Satz ist eine sehr gewagte Schlussfolgerung, denn das Statement von Schabowski gibt das nicht her. Dieser sprach ausdrücklich von einer Beantragung von Besuchsreisen in den Westen. Und der zweite Satz der Reporterin drückt die Sehnsucht aus, vielleicht noch in der laufenden Sendung die ersten Mauerüberwinder übertragen zu können.

Daraufhin eine erneute Schalte zum unermüdlichen Robin Lautenbach, der steht am Grenzübergang Invalidenstraße und zeigt sich enttäuscht, dass an diesem Punkt immer noch keine in den Westen drängenden DDR-Bürger aufgetaucht sind. Aber Robin Lautenbach hat ein paar Westberliner Passanten um sich geschart und die weisen beflissen darauf hin, dass am Grenzübergang Bornholmer Straße DDR-Bürger in den Westen gelassen werden und dazu nur den Personalausweis vorlegen müssen.

Gegen Ende der Sendung gelingt es dann den Außenreportern der tagesthemen doch noch zwei rübergemachte DDR-Bürger einzufangen und zu interviewen. Zwar nicht in Berlin, sondern am schleswig-holsteinischen Grenzübergang Gudow, aber egal, die Botschaft an die DDR-Bürger, ihr könnt rüberfahren, ihr braucht kein Visum und keine Genehmigung, diese Botschaft wird nochmal deutlich platziert.

Die „Tagesthemen“ in der ARD am 9. November 1989, 22:42-23:20 Uhr
(Eingebettetes YouTube-Video)

Schon während der Ausstrahlung der Tagesthemen wird es am Grenzübergang Bornholmer Straße voll. Die Botschaft der tagesthemen, dass man hier leicht rüber kommt, ist bei den Menschen angekommen. Tausende drängen hier jetzt gegen die Tore, bis die überforderten Grenzpolizisten gegen 23:30 Uhr dem Druck der Menschenmenge nachgeben und die Tore öffnen. Der Rest der Geschichte ist bekannt.

Die Öffnung der DDR-Grenze wäre auch ohne Schabowskis Schusseligkeit und Hajo Friedrichs‘ Mobilisierung passiert, das DDR-Regime hatte im Herbst 1989 ausgespielt, zu marode war das Land, zu stark waren die Proteste der Bevölkerung. Der Mauerfall war das symbolische Ende des DDR-Systems, ja sogar des ganzen Ostblocks. Eine gute Sache war das.

„Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten“ diese Sentenz von Hanns Joachim Friedrichs wird oft zitiert. Am Abend des 9. November 1989 hat Hajo Friedrichs gegen seine eigenen Maxime eklatant verstoßen. Er hat die Position des Nachrichtenmanns aufgegeben und wurde für einen kurzen Moment zum politischen Aktivisten. Sein Satz „Die Tore in der Mauer stehen weit offen“ bewegte überhaupt erst die Massen zur Mauer hin. Und als dieser Satz um 22:42 Uhr von Hanns Joachim Friedrichs gesprochen wurde, da war er definitiv falsch – zu diesem Zeitpunkt stand kein einziges Tor der Mauer weit offen.

Man mag einwenden, auch wenn das Statement mit den offenstehenden Mauertoren keine richtige Meldung war, so war es doch eine zutreffende Prognose. Eine Stunde später standen die Mauertore dann doch weit offen. Alles wurde gut und die Party konnte beginnen.

Diese Betrachtung lässt jedoch völlig außer acht, dass es auch anders hätte kommen können. Einzelne DDR-Grenzer hätten verunsichert durch eine unklare Befehlslage und durch die gegen die Mauertore drängenden „Republikflüchtlinge“ Schüsse abgeben können. Oder Egon Krenz, der SED-Generalsekretär, der noch ein halbes Jahr zuvor großes Verständnis für das Zusammenschießen der chinesischen Opposition äußerte, hätte sich mit dem Autoritäts- und Kontrollverlust seiner Staatsführung noch nicht abgefunden und hätte den Befehl erteilt, unter allen Umständen eine unkontrollierte Ausreise zu verhindern, auch mit Waffengewalt. Das hätte passieren können. Es hätte Tote an der Mauer geben können – am Vorabend jenes Tages, für den eine kontrollierte Grenzöffnung geplant war. Für diese Toten wäre dann Hanns Joachim Friedrichs mit seiner Falschmeldung mitverantwortlich gewesen.

Es ist zum Glück nicht so gekommen. Zum Glück für die Menschen aus Ostberlin. Zum Glück für Hanns Joachim Friedrichs.


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