Die neue Berlinale

Vom 20. Februar bis 1. März ist wieder Berlinale – unter der neuen Leitung von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek.

Das neue Leitungsduo der Berlinale: Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian

Das neue Leitungsduo der Berlinale: Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian
(© Alexander Janetzko / Berlinale 2019)

Zwei Wochen später als gewöhnlich startet in diesem Jahr die Berlinale. Grund dafür ist die auf Anfang Februar angesetzte Oscarverleihung, der man seitens der Berlinale-Leitung terminlich aus dem Weg gehen möchte. So hatten Carlo Chatrian, der neue künstlerische Leiter, und Mariette Rissenbeek, die neue organisatorische Leiterin, mehr Zeit, ihre erste Berlinale auf den Weg zu bringen – denn einige Hürden mussten beiseite geräumt werden.


Hürde Nummer 1: zwei neue Dauermieter im Berlinale Palast

Seit kurzem gibt es zwei neue Dauermieter im Berlinale Palast: im Hauptteil die Zirkusshow Cirque du Soleil und im Keller die Männerstripshow Magic Mike. Letztere Show ist erst seit wenigen Wochen am Start und deren Veranstalter waren wenig begeistert davon, für die Berlinale ihr frisch bezogenes Domizil schon wieder für zwei Wochen räumen zu müssen. Die Zirkusshow startet erst im Herbst diesen Jahres und droht für die nächste Berlinale zu einem Problem zu werden. Das Problem mit der Männerstripshow konnte die Organisationsleiterin Mariette Rissenbeek lösen, die Stripshow pausiert während der Berlinale und auch mit der Zirkusshow hat Rissenbeek schon eine Pause für die nächste Berlinale vereinbart.


Hürde Nummer 2: Leerstände am Potsdamer Platz

Das Kinocenter Cinestar IMAX im Sony Center am Potsdamer Platz, eine wichtige Spielstätte der Berlinale seit der Jahrtausendwende, stellte im Dezember 2019 seinen Betrieb ein. Damit fielen auf einen Schlag acht Kinosäle für die Berlinale weg. Um das zu kompensieren, nimmt nun die Berlinale das Cubix-Kino am Alexanderplatz mit seinen neun Sälen vollständig in Beschlag und etabliert so nebenbei den Alexanderplatz, wo ja noch das Kino International steht, zur zweiten zentralen Spielstätte der Berlinale.

Dass das Einkaufszentrum Potsdamer Platz Arkaden in diesem Jahr ebenfalls leer steht (wegen Umbauarbeiten) und somit für die Berlinale-Besucher*innen als Lebensmittelbeschaffung ausfällt und dass die U-Bahnstation der Berlinale-Linie U2 am Potsdamer Platz ausgerechnet während der Berlinale-Zeit in Fahrtrichtung Ruhleben nicht genutzt werden kann, dafür wurde keine Kompensation gefunden. Berliner Baustellen sind beharrlich, sie lassen sich nicht so leicht abstellen. Dit is Berlin, wa!


Hürde Nummer 3: Enthüllungen über Alfred Bauer und Jeremy Irons

Am Tage der offiziellen Pressekonferenz der Berlinale, in der das Programm des Wettbewerbs vorgestellt wurde, kam die Zeit mit einem Artikel heraus, in dem die Nazi-Vergangenheit des ersten Berlinale-Leiters Alfred Bauer beleuchtet wurde. Alfred Bauer war demnach ein hoher Funktionär in der Reichsfilmkammer im Dritten Reich. Chatrian und Rissenbeek reagierten auf diese Enthüllung umgehend, sie setzten den Alfred-Bauer-Preis aus, setzten eine Kommission zur Untersuchung der Tätigkeit Bauers im Nationalsozialismus ein und setzten die Präsentation einer wohlgefälligen Alfred-Bauer-Biographie im Rahmen der Berlinale ab.

Neben der Causa Alfred Bauer trat der Fall des neuen Jury-Präsidenten Jeremy Irons etwas in den Hintergrund. Jeremy Irons hatte in der Vergangenheit in verschiedenen Statements das Betatschen von Frauenpos befürwortet und die Homoehe sowie Abtreibungen abgelehnt. Mariette Rissenbeek erklärte dazu, Jeremy Irons habe diese Äußerungen reflektierend revidiert, er solle deshalb nicht für zurückliegende Äußerungen bestraft werden, die ihm heute leid täten.


Chatrians Programmierung der Berlinale

Die Kerndisziplin eines künstlerischen Leiters der Berlinale ist seine Programmierung. Hierin ist er zu messen, hierin liegen die großen Erwartungen an ihn. Die Auftritte am Roten Teppich und die Bühnenauftritte bei den Gala-Shows der Berlinale sind da eher nachrangig.

Vom Wechsel in der künstlerischen Leitung von Dieter Kosslick hin zu Carlo Chatrian erwarten viele Beobachter*innen eine Erneuerung für die in den letzten Kosslick-Jahren etwas behäbig und selbstgefällig daher gekommene Berlinale. Ob Chatrian diese Erwartungen erfüllen kann, das kann erst nach Abschluss seiner ersten Berlinale in Kenntnis der gezeigten Filme beantwortet werden. Was er aber bisher programmatisch angekündigt hat, das kann sich sehen lassen und macht sehr neugierig auf die Chatrian-Berlinale.

Carlo Chatrian hat zwei Sektionen aus der Koslick-Ära abgeschafft. Die Sektion Native mit Filmen aus indigenen Kulturen sowie die Sektion Kulinarisches Kino. Aber der neue künstlerische Leiter hat auch eine neue Sektion eingeführt: Encounters – und damit sogar einen zweiten Wettbewerb, denn aus der Encounters-Sektion sollen drei Werke mit Bärenplaketten ausgezeichnet werden, für den besten Film, für die beste Regie und mit einem Spezialpreis der Jury. In diesem zweiten, kleineren Wettberb sollen die eher sperrigen, non-narrativen und experimentellen Filme gezeigt werden. Man darf gespannt sein, was es hier zu sehen gibt.

Im (Haupt-)Wettbewerb der Berlinale gibt es 18 Werke von bekannten Berlinale-Regisseur*innen wie Hong Sangsoo, Kelly Reichardt, Sally Potter, Philippe Garrell, Abel Ferrara und Christian Petzold, aber auch Filme von Berlinale-Newcomern. Darunter mit „Irradiés“ auch ein Dokumentarfilm, der sich mit den Auswirkungen der Verbrechen des kambodschanischen Pol-Pot-Regimes auf die Überlebenden befasst. Insgesamt wird der diesjährige Wettbewerb von Filmen mit einer weitgehend düsteren Thematik bestimmt. Carlo Chatrian schreibt dazu im Programmheft:

„Wenn die eher dunklen Farben überwiegen, mag das daran liegen, dass die von uns ausgewählten Filme eher illusionslos auf die Gegenwart blicken – nicht weil sie Schrecken verbreiten, sondern weil sie uns die Augen öffnen wollen.“


Filmische Reise mit Panorama-Blick

Die Lieblingssektion von Mein Freund, der Baum bleibt das Panorama. Hier sind die kleineren Indie-Filme versammelt, zumeist jene unter den Indie-Filmen, die eine Geschichte erzählen und nicht so experimentell verschroben sind wie die Mehrzahl der Werke aus der Forum-Sektion. Wenn das Forum die kleine Schwester von Encounters ist, dann ist das Panorama die kleine Schwester des Wettbewerbs. Und die kleinen Geschwister sind oft quirliger und lebendiger als die großen. Also lasst uns auf der Berlinale mal aufbrechen zu einer filmischen Reise mit Panorama-Blick.

Dazu haben wir 12 der 35 Panorama-Filme ausgewählt. Ob das die besten Panorama-Filme in diesem Jahr sind, das wissen wir nicht, denn wir haben ja noch keinen der neuen Panorama-Film gesehen. Aber es sind die Filme in der Panorama-Sektion, auf die wir uns am meisten freuen – also eine äußerst subjektive auf Vermutungen basierende Auswahl.

The Assistant
von Kitty Green (USA 2019)
„Jane hat kürzlich ihren Traumjob als Assistentin eines mächtigen Medienmoguls ergattert. Bald wird sie mit missbräuchlichen Vorgängen konfrontiert und erkennt die Untiefen des Systems, in das sie eingetreten ist. Ein Film in Zeiten der #MeToo-Bewegung.“
(Quelle: berlinale.de)

Bloody Nose, Empty Pockets
von Bill Ross IV, Turner Ross (USA 2020)
„Die letzte Runde vor dem Aus einer Bar am Rande von Las Vegas. Konsequent observierend lässt der Film die Zuschauer*innen an der familiären Nähe unter den Stammgästen teilhaben und den Eindruck entstehen, als säße man selbst mit am Tresen.“
(Quelle: berlinale.de)

Un crimen común
von Francisco Márquez (Argentinien / Brasilien / Schweiz 2020)
„Aus Angst öffnet Cecilia eines Nachts dem Sohn ihrer Haushaltshilfe nicht die Tür, am nächsten Tag wird seine Leiche gefunden. In einem geisterhaft flirrenden Narrativ erzählt Francisco Márquez von Ungerechtigkeit in der argentinischen Gesellschaft.“
(Quelle: berlinale.de)

Exil
von Visar Morina (Deutschland / Belgien / Kosovo 2020)
„Die Anzeichen dafür, dass der aus dem Kosovo stammende Pharmaingenieur Xhafer an seinem Arbeitsplatz schikaniert wird, mehren sich – oder bildet er sich das nur ein? Exil porträtiert einen Menschen im Spannungsfeld von Integration und Identitätsverlust.“
(Quelle: berlinale.de)

Futur Drei
von Faraz Shariat (Deutschland 2020)
„Parvis’ Leben kreist um Popkultur, Sexdates und Raves. Durch die geflüchteten Geschwister Banafshe Arezu und Amon entdeckt der Deutsch-Iraner seine Wurzeln neu. Ein einfühlsamer Film über die erste Liebe und das Leben als Migrant*in in Deutschland.“
(Quelle: berlinale.de)

Håp
von Maria Sødahl (Norwegen / Schweden 2019)
„Als bei Anja ein Hirntumor diagnostiziert wird, bricht der Alltag ihrer Patchworkfamilie zusammen. Die erkaltete Liebesbeziehung zwischen ihr und ihrem Partner Tomas ist mit dem Jetzt konfrontiert.“
(Quelle: berlinale.de)

Kød & Blod
von Jeanette Nordahl (Dänemark 2020)
„Nach dem Tod ihrer Mutter zieht Ida zur Tante und ihren Cousins. Schnell wird klar: Der durchaus liebevolle Familienclan ist in kriminelle Geschäfte verstrickt. Ein weiblicher Blick auf Familienkonflikte im Spannungsfeld von Zuneigung und Ellenbogenmoral.“
(Quelle: berlinale.de)

Mare
von Andrea Štaka (Schweiz / Kroatien 2020)
„Routiniert, aber engagiert schmeißt Mare den bescheidenen Haushalt ihrer Kleinfamilie, in dem nicht nur eine neue Waschmaschine fehlt. Als durch eine zufällige Begegnung ihr Begehren neu geweckt wird, zögert sie nicht lange.“
(Quelle: berlinale.de)

One of These Days
von Bastian Günther (Deutschland / USA 2020)
„Bei einem texanischen Hands-on-Wettbewerb stehen die Teilnehmer*innen tagelang um einen neuen Pick-up-Truck herum, den sie mit einer Hand berühren. Wer am längsten durchhält, gewinnt den Wagen. Ein Psychogramm von Armut, Reichtum und Verzweiflung.“
(Quelle: berlinale.de)

Otac
von Srdan Golubović (Serbien / Frankreich / Deutschland / Kroatien / Slowenien / Bosnien und Herzegowina 2020)
„Weil er zu arm sei, um ein angemessenes Lebensumfeld für sie zu gewährleisten, nimmt das Sozialamt Nikola die Kinder weg. Er macht sich zu Fuß auf den Weg, um Beschwerde in Belgrad einzulegen. Eine bewegende Erzählung von der Ungleichheit der Verhältnisse.“
(Quelle: berlinale.de)

Suk Suk
von Ray Yeung (Hongkong, China 2019)
„Zufällig begegnen sich in Hongkong Pak und Hoi, zwei Großväter, die ihr Leben damit verbracht haben, für ihre Familien zu sorgen. Ein feinfühliger und zugleich leidenschaftlicher Film über die Liebe im Alter.“
(Quelle: berlinale.de)

Surge
von Aneil Karia (Vereinigtes Königreich 2020)
„Nach einem Besuch bei den Eltern zerbricht etwas in dem innerlich isolierten Flughafenangestellten Joseph, und ein anderer kommt zum Vorschein: einer, der sich nimmt, was er will. In Aneil Karias Regiedebüt eskaliert das Leben eines ganz normalen Mannes.“
(Quelle: berlinale.de)


Doch nun genug der Vorschauen. Am Donnerstag geht es endlich los mit der Berlinale 2020. Lasset die Spiele beginnen!


Siehe auch:
Wann schläft Knut Elstermann?
Die zehn Gebote der Berlinale


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