Die zehn Gebote der Berlinale

Jedes Jahr an zehn Tagen im Februar wird in Berlin das größte Filmfest der Welt gefeiert: die Berlinale. Am 15. Februar geht es wieder los: hunderttausende Filmfans werden wieder in die Kinosäle der Hauptstadt strömen. Du willst dieses Mal auch dabei sein? Mein Freund, der Baum verrät dir, was du tun musst, um Teil der Berlinale-Community zu werden. Befolge einfach die zehn Gebote der Berlinale und das ganz besondere Berlinale-Erlebnis wird über dich kommen!

Frontseite des Berlinale-Palasts

Der Berlinale-Bär über dem Eingang des Berlinale-Palasts.
(Photo: Roger Weil – Lizenz: CC BY-SA 4.0)


1. Gebot: Organisiere dir die Vorfreude!

Die Freude an der Berlinale kannst du für dich verlängern, indem du die Zeit des Wartens auf die nächste Berlinale durch das Organisieren einer Vorfreude auffüllst. Du solltest versuchen Menschen aus deinem Umfeld für die Berlinale zu begeistern, um mit Ihnen zunächst die Vorfreude gemeinsam zu zelebrieren und dann an den zehn Tagen im Februar gemeinsam das Erlebnis der Berlinale zu teilen. Mit dem Buchen des Hotels und der Bahntickets beginnt schon ein halbes Jahr vor der Berlinale die Vorfreude. Die heiße Phase der Berlinale-Vorfreude startet dann Anfang Dezember, wenn bis Mitte Januar nach und nach Informationen über die gezeigten Filme bekanntgegeben werden. Auch die Veröffentlichung der Plakatmotive, die traditionell in der Woche vor Weihnachten stattfindet, ist ein vorfreudiges Ereignis, du kannst jetzt schon gemeinsam mit deinen Berlinale-Freunden besprechen, welche Plakate ihr euch kaufen wollt. Schließlich kannst du mit deinen Berlinale-Freunden einen Videoabend veranstalten, an dem ihr z.B. Zusammenfassungen der vergangenen Berlinale, die Vorschautrailer der anstehenden Berlinale und die von Anke Engelke moderierte Eröffnungsgala der Berlinale anschaut.


2. Gebot: Mach dir einen Plan!

Das komplette Programm der Berlinale, ein Katalog mit allen Filmen und alle Terminen, wird am Dienstag in der Woche vor dem Start der Berlinale veröffentlicht – also neun Tage vor der Eröffnungsgala. Dazu gibt es für jede der neun Sektionen noch einen Spezialkatalog mit ausführlicheren Filmbeschreibungen. Die Kataloge gibt es an den Vorverkaufstellen der Berlinale in Berlin und im Online-Shop der Berlinale. Den bundesweit über den Bahnhofsbuchhandel vertriebenen Stadtmagazinen zitty und Tip Berlin liegen komprimierte Berlinale-Programmhefte bei. Natürlich findet sich das vollständige Programm auch auf der Website der Berlinale. Etwa 400 Filme in über 1000 Vorführungen werden auf der Berlinale gezeigt. Um dieses Angebot einigermaßen zu bewältigen, musst du dir einen Plan machen – so eine Art Stundenplan der Berlinale, in der du dir für alle Tage zu den jeweiligen Tageszeiten die von dir gewünschten Filme einträgst. Auch eine Zweit- und Drittwahl solltest du dir für jede Tageszeit notieren, falls das mit den Wunschfilmen nicht klappt, kannst du darauf zurückgreifen. Nimm dir Zeit für die Programmplanung, filtere die für dich interessanten Filme heraus, stimme diese mit denen deiner Berlinale-Freunde ab, stellt euch gemeinsam ein vielseitiges Berlinale-Menü zusammen. Schon die Zubereitung eines Menüs kann jede Menge Spaß machen.


3. Gebot: Streng dich an beim Ticketkauf!

Die Berlinale hat das komplizierteste und unverständlichste Ticketing-System der Welt. Es bedarf intensiver Studien der Ticketbedingungen und jeder Menge praktischer Erprobungen des Ticketkaufs, um dieses Sytem wenigstens in Ansätzen zu begreifen. So gibt es zum Beispiel keinen zentralen Vorverkaufsstart für die gesamte Berlinale, sondern für jeden Berlinale-Tag einen speziellen Vorverkaufsstart. Drei Tage vor der Berlinale-Eröffnung beginnt der Vorverkauf, an diesem Tag kann man aber nur Eintrittskarten für den letzten Berlinale-Tag und für das größte Kino der Berlinale, den Friedrichstadtpalast und für die kleinsten Filmtheater der Berlinale, die Kiezkinos, kaufen. Für alle anderen Tage und alle anderen Kinos beginnt der Vorverkauf jeweils drei Tage vorher – immer morgens um 10 Uhr. Orte des Vorverkaufs sind vier offizielle Vorverkaufsstellen in Berlin, der Online-Ticketshop der Berlinale und alle eventim-Konzertkassen in ganz Deutschland. An den Vorführtagen selbst werden dann auch noch Kontingente an den Tageskassen der Kinos verkauft und das zu ganz unterschiedlichen Zeiten. Für den Ticketkauf an eine der offiziellen Vorverkaufsstellen muss man ganz früh aufstehen und lange anstehen (bei zwei Vorverkaufstellen auch noch draußen in der morgendlichen Februarkälte) um überhaupt eine Chance auf Tickets zu haben. Die härtesten der harten Berlinalisten übernachten hier sogar vor den Kartenhäuschen. Beim Online-Ticketshop braucht man einen schnellen Rechner, eine flinke Computermaus und ganz viel Glück, denn hier gibt es nur geringe Kartenkontingente, die bei den meisten Filmen schon nach wenigen Sekunden vergriffen sind. Bei den eventim-Konzertkassen sollte man es erst gar nicht probieren, denn das Personal hier kann auch nur beim Online-Ticketshop klicken und bedient außer dir noch andere Kunden. Egal aber, wo du Berlinale-Tickets kaufen möchtest, du musst in jedem Fall gut organisiert sein, musst wissen, welche Filme du willst, und ganz schnell auch auf Ersatzfilme umswitchen können. Und du brauchst starke Nerven. Das Anstehen um Berlinale-Tickets kann wirklich strapaziös sein, du musst dich aber diesen Mühen unterziehen, denn ohne diese Eintrittskarten bringt dir die Berlinale nichts. Also, streng dich an!


4. Gebot: Besorg dir die Berlinale-Tasche!

Die Berlinale-Tasche ist Kult. Zu jeder Berlinale gibt es eine ganz besondere Tasche – mal aus Leinen, mal aus Filz, mal aus Jute – mal als Tragetasche, mal als Umhängetasche, mal als Rucksack – immer künstlerisch gestaltet und immer mit dem Berlinale-Bär drauf. Die Berlinale-Tasche ist praktisch, hierdrin kannst du nicht nur dein Berlinale-Zubehör (Programmhefte, Energy-Drinks, Nackenkissen) verstauen, mit dieser Tasche kannst du dich auch in der Öffentlichkeit als Teil der Berlinale-Community ausweisen und kommst sofort mit deinesgleichen ins Gespräch. Du solltest dir auf jeden Fall die Berlinale-Tasche zeitig besorgen, sie ist meistens schon zur Halbzeit der Berlinale vergriffen.


5. Gebot: Schau nicht zu viele Filme!

Auf der Berlinale gibt es so viele interessante Filme zu sehen, viel mehr Filme, als du schaffen kannst. Aber du willst so viele Filme wie möglich mitnehmen … und das ist falsch! Du könntest zwar theoretisch fünf Filme am Tag schaffen, aber das ist eindeutig zu viel. Die Filme würden nur noch an dir vorbeirauschen, du hättest keine Zeit, die Filme in dir nachklingen zu lassen, keine Zeit, mit anderen über die Filme zu sprechen, und Essen und Trinken musst du zwischendurch auch mal etwas, in den Berlinale-Kinos ist das nämlich nicht erlaubt. Du solltest es bei drei Filmen pro Tag belassen, damit bist du ausgelastet. Es kann mal den einen oder anderen Tag mit vier Filmen geben, weil du den Lockungen des Programms nicht widerstehen kannst, aber das sollten Ausnahmen bleiben. Drei Filme am Tag schauen (und diese genießen können), das ist eine realistische Zielmarke.


6. Gebot: Nimm an einer Galapremiere teil!

Der Berlinale-Palast am Potsdamer Platz ist der zentrale Zeremonienort der Berlinale. Hier ist für die 24 Wettbewerbsfilme der ganz große Rote Teppich ausgelegt – es sind die Galapremieren der Berlinale. Auf dem Roten Teppich posieren bei den Galapremieren nicht nur die Macher des Films, sondern auch jede Menge andere Stars und solche, die sich für Stars halten. Wenn du ein Ticket für eine Galapremiere hast und rechtzeitig vor den Limousinen der Hauptdarsteller vor Ort bist, dann darfst du auch am Photographenpulk vorbei über den Roten Teppich wandeln. Ein erhabenes Gefühl, das sich drinnen im leuchtenden Berlinale-Palast noch fortsetzt, einfach weil hier die Emotion, in diesem Moment an etwas ganz Großem teilzunehmen – an einer Weltpremiere – dich durchflutet. Du solltest unbedingt versuchen, an Tickets für eine dieser Galapremieren zu gelangen.


7. Gebot: Besuch den Zoo-Palast!

Der Zoo-Palast ist das historische Kino der Berlinale. Bis 1999 war das im Zentrum des alten West-Berlin zwischen Bahnhof Zoo und Gedächtniskirche gelegene Lichtspielhaus die zentrale Spielstätte für den Wettbewerb der Berlinale. Danach wurde der Zoo-Palast in dieser Funktion vom neu erbauten Berlinale-Palast am Potsdamer Platz abgelöst. Der Berlinale-Palast ist eigentlich ein Musicaltheater, was man ihm auch ansieht – der Zoo-Palast ist ein Kino. Dieses Haus hat trotz seiner Renovierung zu Beginn dieses Jahrzents seinen ganz besonderen 50er-Jahre-Charme erhalten. Der Zoo-Palast ist wirklich ein Palast, in dem du einer Zeit nachspüren kannst, in der das Kino noch das Königsmedium für bewegte Bilder war. Und majestätisch sind auch die Sitze im Zoo-Palast – nirgendwo sonst auf der Berlinale sind sie so breit, beinfreundlich und weich wie hier.


8. Gebot: Sieh dir Filme aus den Nebenreihen an!

Die Medien außerhalb Berlins berichten zur Berlinale fast ausschließlich über die 24 Wettbewerbsfilme. Dabei machen diese Filme zahlenmäßig nur etwa 6% des Programms aus. Außer dem „Wettbewerb“ gibt es auf der Berlinale noch acht weitere Filmreihen, auch „Sektionen“ genannt. Etwa die Reihe „Panorama“ mit kleinen, geringbudgetierten Filmerzählungen aus aller Welt, die experimentelle „Forum“-Reihe, die Sektion „Generation“ mit Filmen für Kinder und Jugendliche, die „Perspektive Deutsches Kino“ und die Sektion „Berlinale Special“, in der auch Premieren von TV-Serien gezeigt werden. Nicht zu vergessen die „Berlinale Shorts“ und die filmhistorischen Reihen „Retrospektive“ und „Hommage“. Gerade in diesen Nebenreihen gibt es viele Schätze und Kleinode zu entdecken, Filmwerke, die du nur auf der Berlinale sehen kannst, weil sie es nie in das reguläre Kinoprogramm deiner Stadt schaffen werden. Solche rare Filme zu sehen, die oft auch aus fernen Weltgegenden stammen, das solltest du dir nicht entgehen lassen.


9. Gebot: Geh zu Knut Elstermann!

Der rbb-Radiojournalist Knut Elstermann ist der größte Filmverrückte unter allen Berlinale-Gängern. Der Mann schaut vermutlich alle 400 Filme einer jeden Berlinale und kann jedenfalls begeistert von Ihnen erzählen. Das macht er während der Berlinale jeden Abend von 22 bis 24 Uhr in der Lounge des CinemaxX-Kinos am Potsdamer Platz. Knut Elstermann hat in seinem „Berlinale Night Talk“ Filmschaffende aus dem Berlinale-Programm zu Gast und bespricht mit Ihnen deren Filme. Dazu gibt es jeden Abend noch einen prominenten Gastkritiker, der sich 2-3 Filme an diesem Tag angeschaut hat und diese mit Knut Elstermann diskutiert. Der Eintritt zum „Berlinale Nighttalk“ ist frei, du solltest aber schon eine Stunde vor Beginn dort sein, damit du noch einen Sitzplatz bekommst. Bei Getränken und Snacks im Kreise vieler Filmfreunde wartet es sich hier sehr angenehm. Beim „Berlinale Nighttalk“ kommst du in der der kleinen Kinolounge den Filmstars der Berlinale ganz nahe. Die Radioshow von Knut Elstermann – auch als Videostream auf der rbb-Website zu sehen – ist immer ein guter Ausklang eines langen Berlinale-Tages.


10. Gebot: Denk stets an den Satz von Godard!

So eine Berlinale ist ganz schön anstrengend. Bei den vielen Filmen, die du auf der Berlinale schaust, wirst du nicht immer hellwach sein können, es werden dir auch schon mal in dem einen oder anderen Kino die Augen zufallen. Wenn der Schlaf so bei dir anklopft, verweigere ihm nicht den Einlass. Der große Filmregisseur Jean-Luc Godard sagte dazu: „Im Kino schlafen heißt dem Film vertrauen“. Und fast allen Filmen der Berlinale kannst du vertrauen – und den bequemen Kinosesseln auch.

Siehe auch:
Wann schläft Knut Elstermann?

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