Begegnung in Madrid

Auf der Puerta del Sol, einem großen Platz in der Madrider Altstadt, kam es gestern zu einer schicksalhaften Begegnung zwischen der 26-jährigen Supermarktkassiererin Frieda Fell und der 52-jährigen Ärztin und ehrenamtlichen Ratsfrau Doktor Antje Marzahn. Zufällig trafen sich die beiden Damen unter einem öffentlichen Mikrofon, so dass wir nun Ohrenzeuge ihres Zusammentreffens werden können. Hören wir mal herein, was Frau Doktor sagt.

: „Ach, es geht mir so gut. Ich bin Doktor Antje Marzahn, 52 Jahre alt, Ärztin, Ratsfrau, in zahlreichen Ausschüssen tätig und stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Ich bin sehr schlank, lebe allein, ich habe keinen Mann und keine Kinder. Ich bin immer etwas hektisch und nervös und ich habe einen übervollen Terminkalender. Aber es geht mir so gut. Nanu, wen sehe ich denn da? Diese Frau, die mir da entgegenkommt, mit ihrem kurzen braunen Haar und ihrer klapperdünnen Figur, die kenne ich doch. Das ist doch Frieda Fell, die 26-jährige Kassiererin aus meinem Supermarkt. Was sucht die denn hier in Madrid? Und was hat sie denn da in der Hand? Sieht aus wie eine Voodoopuppe. Das muss ich jetzt mal klären. Ich quatsch‘ sie mal an. – Hallo, Frau Fell! Wie finden Sie das Wetter hier in Madrid?“

: „Hallo Frau Doktor Marzahn! Wie ich das Wetter hier in Madrid finde, das kann ich Ihnen sagen: schlimm. Ich wäre hier überhaupt nicht hingefahren, wenn hier nicht der Voodoopuppen-Kongress stattfinden würde.“

: „Ach, Sie waren auf dem Voodoopuppen-Kongress?“

: „Ja, da fahren wir jedes Jahr hin, ich und meine Kollegin, die Marianne, die bei uns an der Fleischtheke arbeitet. Sie müssen wissen, wir beschäftigen uns nämlich seit Jahren schon wissenschaftlich mit dem Voodoopuppen-Phänomen. Letztes Jahr da war der Voodoopuppen-Kongress in Reykjavik. Da war das Wetter wesentlich angenehmer.“

: „Ja, Reykjavik ist ja auch berühmt für sein gutes Wetter.“

: „Ja, das stimmt. – Aber entschuldigen Sie mich bitte, Frau Doktor Marzahn, ich muss weiter. Ich halte heute Nachmittag an der Universität noch einen Vortrag zum Thema „Der Zusammenhang von Voodoopuppen und Quantenmechanik im Spätwerk Walter Benjamins“ und vorher wollte ich mich in meinem Hotelzimmer noch etwas ausruhen.“

: „Oh, da möchte ich Sie nicht aufhalten, Frau Fell. Um wie viel Uhr beginnt denn Ihr Vortrag?“

: „Um 15 Uhr 30.“

: „Vielleicht schau ich mal rein, wenn es sich einrichten lässt.“

: „Das wäre nett, Frau Doktor Marzahn.“

: „Wird Ihre Kollegin Marianne auch zugegen sein?“

: „Nein.“

: „Ach, warum denn nicht?“

: „Das braucht Sie nicht zu interessieren, Frau Doktor Marzahn.“

: „Ja … aber ich frage doch bloß.“

: „Ja, Sie fragen bloß. Alle fragen immer bloß. Das geht Sie doch überhaupt nichts an, warum Marianne bei meinem Vortrag nicht dabei ist. Dumme Kuh!“

: „Also, hören Sie mal …!“

: „Halt’s Maul! Du stinkende Arschfotze!“

: „Was erlauben Sie sich, Frau Fell!“

: „Oh, entschuldigen Sie bitte, das ist gar nicht so meine Art, so zu reden. Ich habe wohl etwas die Contenance verloren. Bitte verzeihen Sie mir! Das muss das schlechte Wetter sein.“

: „Ach, das ist schon gut, Frau Fell. Das kann doch jedem mal passieren. Gehen Sie mal in Ihr Hotel und ruhen Sie sich aus, dann geht es Ihnen schnell wieder besser.“

: „Ja, das werde ich tun. Auf Wiedersehen, Frau Doktor Marzahn, und vergessen Sie meinen Vortrag nicht!“

: „Nein, ich denke daran. Auf Wiedersehen, Frau Fell!“

Nach diesen Abschiedsworten trennten sich die beiden Damen. Ob Frau Doktor Antje Marzahn am Nachmittag noch den Weg in die Madrider Universität zum Vortrag von Frieda Fell fand, ist nicht bekannt.


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