Das extralange Editorial

Liebe Baumfreundin, lieber Baumfreund,

diesmal haben wir eine Enttäuschung für dich parat: Mein Freund, der Baum, ist tot. Er fiel zwar nicht im frühen Morgenrot, so wie im Lied der göttlichen Alexandra. Aber er ist trotzdem tot.

Wie kam es zu diesem Baumsterben? Zur Beantwortung dieser Frage werfen wir vielleicht einen Blick zurück – auf den Sommer vor drei Jahren. Da begann er nämlich zu sprießen – der Baum.

Und jetzt erzählen wir

Die ganze Wahrheit über Mein Freund, der Baum

Zunächst spross der Baum im Kopf eines internetbegeisterten Mittdreißigers, der sich dachte, er könnte doch mal die Texte, die er so im Laufe der Jahre geschrieben hatte, ins Internet stellen. Aber bloß nicht noch eine dieser unzähligen und unsäglichen privaten Homepages kreieren, auf denen unwichtige Individuen sich wichtig nehmen und ihre Gören, Goldfische und Gedichtversuche vor einer desinteressierten Öffentlichkeit ausbreiten. „Solche Seiten sind wie Blähungen“, entfuhr es dem internetbegeisterte Mittdreißiger, „sie sind peinlich und stinken.“

Der internetbegeisterte Mittdreißiger wollte nicht seine Person, sondern lediglich einige seiner Texte ins Netz stellen. Also dachte er sich einige Pseudonyme aus und stellte diese zusammen mit verschiedenem Geschreibsel ins Internet.

Anschließend machte er sich daran, einen Namen für die Textsammlung zu finden. Titel wie „Literaturcafé“, „Schreibheft“, „Kreativa“ oder „Federlesen“ empfand er als langweilig. Auch den Gedanken an „Journal für Online-Literatur“ verwarf er sehr schnell. Der Titel für seine Internetseiten sollte mehrere Kriterien erfüllen. Er sollte möglichst sinnfrei sein, er sollte einprägsam sein und er sollte als URL noch nicht vergeben sein. Nach sehr kurzem Nachdenken fand der internetbegeisterte Mittdreißiger den Namen Mein Freund, der Baum, von dem er wusste, dass das der Titel eines Liedes einer deutschen Schlagersängerin aus den 60er Jahren war.

Doch nun Platz für eine Zwischenbemerkung.

[Aus Gründen des Urheberschutzes haben wir den hier stehenden Textauszug entfernt.]

Und wieder zurück zum internetbegeisterten Mittdreißiger.

„Jetzt habe ich also meine Seite im Netz“, sann er, „nur niemand wird sich dafür interessieren.“ Also überlegte sich der internetbegeisterte Mittdreißiger, wie er Aufmerksamkeit für seine Homepage erzeugen könnte. Da kam ihm in einer ruhigen Minute der Gedanke, doch um die Texte herum einen Schreibwettkampf zu veranstalten. Als Preis setzte der internetbegeisterte Mittdreißiger halbjährlich einen Toaster aus, da ihm ein solcher Preis notwendig billig und hinreichend attraktiv erschien, und er meinte auch, die Menschen werden nur in zweiter Linie wegen des Toasters aber in erster Linie wegen des Ruhmes um den ersten Platz in diesem Wettbewerb kämpfen. Gedacht getan – so entstand der Schreibwettkampf von Mein Freund, der Baum.

Eine Jury war auch schnell zusammengestellt. Astrid, Barbara, Christoph, Klaus und Matthias sind schreibkundige Freunde des internetbegeisterten Mittdreißigers, sie stellten ihre Kompetenz in den (unbezahlten) Dienst von Mein Freund, der Baum und waren durch ihre fachkundigen Urteile maßgeblich am Erfolg der Schreibwettkämpfe beteiligt. Ihnen sei hiermit noch einmal in tiefer Verbeugung gedankt.

Nach einer kurzen Unterbrechung geht es weiter.

[Aus Gründen des Urheberschutzes haben wir den hier stehenden Textauszug entfernt.]

Der ursprünglich nur als flankierende Promotionmaßnahme gedachte Schreibwettkampf entwickelte sich sehr rasch zum Hauptprojekt von Mein Freund, der Baum. Die unerwartet hohe Beteiligung am Schreibwettkampf seiner bescheidenen Seiten ließen das Herz des internetbegeisterten Mittdreißigers aus Freude Trampolin springen. Von überallher, sogar vom Schwarzen Mehr, erreichten ihn Beiträge. Und mit jedem Wettkampf wurden es meer. (Letzteres stimmt objektiv statistisch nicht so ganz, wurde aber subjektiv vom internetbegeisterten Mittdreißiger so erfahren.)

Bei alle den hell strahlenden Schreibwettkämpfen fiel dennoch ein Schatten in die kleine Kammer des internetbegeisterten Mittdreißigers und verdunkelte seine Seele und seinen Computerbildschirm.

„Toasterhersteller, ihr seid Schweine!“ rief er immer wieder aus. „Toasterhersteller, ich verachte euch zutiefst!“ ergänzte er dabei seine Ausrufe. Denn jene Toasterhersteller weigerten sich partout den internetbegeisterten Mittdreißiger bei seinem Einsatz für die Internetliteratur und die Toastkultur sponsormäßig zu unterstützen. Nicht einen müden Euro machten die feinen Herren aus den Vorstandszentralen für den Schreibwettkampf Mein Freund, der Baum locker. So dass der internetbegeisterte Mittdreißiger zu dem abschließenden Urteil kam: „Toasterhersteller, ihr seid Doofmänner! Toasterhersteller, eure Fressen gefallen mir nicht!“

Nach einer kurzen Pause geht dieses Editorial weiter.

[Aus Gründen des Urheberschutzes haben wir den hier stehenden Textauszug entfernt.]

Mit dem steigenden Zulauf zum Schreibwettkampf wuchs auch das Arbeitspensum, dass der internetbegeisterte Mittdreißiger für Mein Freund, der Baum aufwenden musste. Zahlreiche Texte mussten gelesen, korrigiert, bewertet und layoutet werden, unzählige Mails mussten beantwortet werden, regelmäßige Wartungen der immer mehr werdenden Seiten mussten durchgeführt werden, und die Seiten mussten intensiv promotet werden. Und das alles nach Feierabend, nach einem stressigen Arbeitstag. Der internetbegeisterte Mittdreißiger spürte in seinem Engagement für Mein Freund, der Baum immer mehr die Verwandlung von Lust zu Last und er kam an den Punkt, an dem ihm der Baum über den Kopf wuchs.

Und so entschied der internetbegeisterte Mittdreißiger, die Pflege des Baumes einzustellen. Abhacken wird er den Baum nicht, das bringt er nicht übers Herz. Aber Einstellen der Pflege führt natürlich zum gleichen Ergebnis: der Baum ist tot.

[Aus Gründen des Urheberschutzes haben wir den hier stehenden Textauszug entfernt.]

Wir sind wieder zurück. Die Textpassagen, die wir hier mehrmals eingeschoben haben, sind die ersten Abschnitte aus dem Roman „Sills‘ Verhängnis“ von Thorsten Tornow. Wir haben den Einschüben in diesem Editorial Raum gegeben, weil wir Thorsten Tornows Romantrilogie um den vornamen- und lizenzlosen Privatdetektiv Sills für empfehlenswerte Literatur halten und wir dich, liebe Baumfreundin, lieber Baumfreund, nicht ohne einen Lesetipp in die baumlose Zeit entlassen wollen.

Tornows Sills-Trilogie spielt im Berlin der späten achtziger und frühen neunziger Jahren. Die einzelnen Titel lauten „Sills‘ Verhängnis“, „Unter Senkern“ und „Tod eines Trebers“. Tornows Romane enthalten so viel Charme, Witz, Spannung und deutsche Wirklichkeit, wie vielleicht allenfalls noch die Romane von Jakob Arjouni. Und ebenso wie Arjouni greift Thorsten Tornow stilsicher und zugleich augenzwinkernd Motive aus den gattungsprägenden Romanen des Amerikaners Raymond Chandler auf. So ist sein hier zitiertes Fliegenintro natürlich an den berühmten Einstieg von Chandlers „The Little Sister“ angelehnt. Auch wenn Tornows hart gekochte Privatdetektiv-Romane nicht ganz das literarische Niveau der Chandlerschen Klassiker erreichen, so zählen sie doch zum Besten zumindest in der deutschsprachigen Krimiszene. Unverständlich, dass Thorsten Tornow beim Krimipublikum noch weitgehend unbekannt ist.

Der beste Privatdetektivromanautor aller Zeiten bleibt aber immer noch Ross Macdonald. Aber das nur nebenbei.

Und nun zu einem unerfreulichen Thema. Der fünfte Schreibwettkampf von Mein Freund, der Baum kommt nicht mehr zur Auswertung. Wir wissen, dass wir dadurch vor allem die 36 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr enttäuschen. Mit schlechtem Gewissen wenden wir uns an euch, Teilnehmerinnen, Teilnehmer sowie sonstige Baumfreundinnen und Baumfreunde: Bitte verzeiht uns!

„Abschied ist ein scharfes Schwert“ – heißt es in einem Text von Roger Whittaker. Wir wollen, liebe Baumfreundin, lieber Baumfreund, den Abschied nicht ganz so scharf in dich eindringen lassen und geben dir noch drei Texte von verschiedenen Mein Freund, der Baum-Autoren.

Renate Rettich lieferte uns für unser Abschieds-Update einen weiteren ihrer beliebten Limericks. „Eine feiste Hotelfrau aus Bochum“ führt sich gemeinsam mit einem ihrer Bediensteten ein umwerfendes Getränk zu Gemüte. Um welches Getränk es sich dabei handelt und welcher Berufsgruppe der Bedienstete angehört, kann von dir erschlossen werden, liebe Baumfreundin, lieber Baumfreund, wenn du dir überlegst, was sich auf „Bochum“ reimt.

Es fängt ganz harmlos an. Zwei Fußgänger begegnen sich zufällig auf der Straße. Der eine fragt den anderen nach der Uhrzeit. Der andere gibt sie dem einen. Dann bemerkt der eine, dass die Uhr des anderen überhaupt keine Zeiger hat. Und schon, liebe Baumfreundin, lieber Baumfreund, bist du eingefangen in den absurden Dialog „Uhr ohne Zeiger“ von Gregor Lob.

Und unseren Text des Monats liefert unsere geschätzte Baumautorin Tina Kolada mit dem vierten Teil ihres Fortsetzungsromans „Anjas Aufstieg“, in dem die junge Hamburger Korrektorin auf ihrem Weg zu einer journalistischen Karriere einem merkwürdigen Musiker mit einer ungewöhnlichen Sammelleidenschaft näher kommt. Lies hier, was die angehende Journalistin Anja Wieder mit „Bernd im Bademantel“ erlebt!

Und jetzt ist Schluss.

Leb wohl, liebe Baumfreundin, lieber Baumfreund!

Zum letzten Mal grüßt Die Baum-Redaktion

 

Post Scriptum:

Nicht alles in den drei vergangenen Jahren von Mein Freund, der Baum war gut. So hat eine bestimmte von Autorinnen und Autoren eingesandte Textgattung die literarischen Nerven der Redaktion aufs Äußerste gereizt. Es waren dies kurze Prosatexte, die es an korrektem Satzbau mangeln ließen und meist nach wenigen Worten unbegründet umgebrochen wurden. Diese Texte beschäftigen sich verschwommen und verworren mit Naturereignissen oder psychischen Empfindungen des Erzählers und werden von ihren Verfassern gerne als Gedichte ausgegeben, obwohl sie weder Reim noch Rhythmus besitzen.

Sie sind schon eine Landplage – die Pseudo-Lyriker mit ihrer nichts sagenden Stammelprosa. Mit dem Absterben von Mein Freund, der Baum haben diese Dichterinnen und Dichter nun eine Adresse weniger, an die sie ihre schlecht aufgeschriebenen Gefühlswallungen senden können. Wir empfehlen Ihnen: Sendet eure „Gedichte“ künftig an die Toasterhersteller!

Und damit endet die Geschichte von Mein Freund, der Baum.

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