Der Fallschirmspringer

Der Fallschirmspringer verfehlte den Mittelkreis des Fußballplatzes, in dem er eintreffen sollte, um ungefähr drei Kilometer und landete auf dem Dach der Scheune des Aussiedlerhofes, auf dem allein die alte Bäuerin Maria wohnte, von der viele im Dorf dachten, sie sei krank im Kopf. Die Landung des Fallschirmspringers auf dem Blechdach der alten Scheune erzeugte ein so lautes Scheppern, dass es Maria im benachbarten Haupthaus gewahr wurde, obwohl sie gerade ihre Ohren in einen Kopfhörer versenkt hatte und einem Ska-Konzert lauschte, in dem die Bläser ebenfalls schepperten wie ein zuknallendes schmiedeeisernes Friedhofstor. Das Aufprallen des Fallschirmspringers auf das Scheunendach übertönte die Ska-Musik so stark, dass Maria vor Schreck die Tasse mit der fettarmen Milch, die sie sich beim Anhören ihrer Ska-CDs gerne genehmigte, aus der Hand fiel. Die Tasse zerbarst auf dem harten Steinboden in Marias Wohnküche und die fettarme Milch floss in Richtung des Biedermeierschranks und unter den Biedermeierschrank, dorthin wo letzte Woche noch der Ehering der Maria gerollt war, der ihr beim Reinigen entglitten war, und jetzt noch immer unter dem Biedermeierschrank lag, da Maria es nicht geschafft hatte ihn von dort hervorzukramen, ihre Knochen waren halt nicht mehr die Jüngsten. Obwohl ein Beobachter das Letztere gerade in diesem Moment nicht angenommen hätte, als Maria doch recht behände nach draußen eilte. Auf dem Hof angekommen, vernahm sie zunächst nicht, was sich ereignet hatte, sie ahnte nur, dass etwas Wichtiges passiert sein musste und bewegte sich so aufgeregt hin und her wie zu heftig geläutete Kirchenglocken. Die alte Maria war so in Fahrt, dass sie selbst für den sich gerade am Horizont abspielenden Sonnenuntergang, der an diesem Tag ein besonders beeindruckendes Farbenspiel bot, kein Auge hatte. Ihr ganzer Körper zitterte wie ein mit dem Fahrrad über Kopfsteinpflaster transportierter Wackelpudding. Dann nach einem dutzendminütigen Hin- und Hergerenne auf dem gesamten Areal des Hofes fiel ihr Blick endlich auf das Scheunendach mit dem Fallschirmspringer und ein Überschwang an Freude bewältigte sich ihrer. Die Freude in ihr war so groß, dass sogar die Trauer über den Verlust ihres geliebten Ehemannes, der im ersten Weltkrieg gefallen war, auf einmal so weggeblasen war, wie die Luft aus den Posaunen, der von ihr so geschätzten Ska-Bands. Maria eilte schnell zurück ins Haus zu ihrer kleinen aber feinen Damentoilette und legte sich eilig Rouge und Lidschatten auf. Dann wieder draußen schwang sie sich über das neben der Scheune stehende Reck (eine Hinterlassenschaft der französischen Besatzungsarmee, die nach dem zweiten Weltkrieg auf ihrem Hof Turnwettkämpfe veranstaltete) auf das Dach und landete genau in den Armen des zunächst etwas verdutzten Fallschirmspringers. Maria wusste, den hatte ihr der Herrgott geschickt.


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