Anjas Aufstieg (1. Teil)

Der Auftrag

Es ist spät geworden in den Redaktionsstuben der kleinen Hamburger Wochenzeitung. Die junge Korrektorin Anja Wieder sitzt noch einsam im nur durch ihre Schreibtischlampe beleuchteten Büro und korrigiert eifrig die Druckfahnen der nächsten Ausgabe. Da öffnet sich die Tür und der Chefredakteur Randolf Seiber tritt ein, seine Schweinsäuglein blinzeln.

„In Rothenburgsort ist eine Rentnerin ermordet worden“, setzt er an, „der Bericht muss noch in die nächste Ausgabe rein. Machen Sie das, Anja!“

Die Augen der jungen Korrektorin weiten sich. Hatte sie da gerade richtig gehört? War das ein Auftrag, einen Artikel für die Zeitung zu schreiben? War das die Chance, auf die sie so lange gewartet hatte?

„Ich soll einen Artikel schreiben?“, stammelt sie ungläubig.

„Warum sind Sie noch nicht unterwegs, Anja? Soll ich es mir noch einmal anders überlegen?“ fragt der Chefredakteur mit gespielter Strenge.

Anja kommt nicht mehr dazu, etwas zu sagen. Sie schnappt sich Block, Stift und Mantel und rennt zur Tür. Im Türrahmen bleibt sie kurz stehen und dreht sich zu Randolf Seiber um.

„Danke“, haucht sie. Randolf Seiber lächelt sie gütig an und will noch etwas sagen, da ist seine junge Korrektorin schon verschwunden. Seiber geht zum Fenster, wo er gerade noch die junge Frau über den Hof hasten sieht, er schafft es gerade noch, ihr die Adresse zuzurufen. Anja signalisiert durch ein kurzes Handzeichen, dass sie verstanden hat und schon ist sie aus dem Blick des Chefredakteurs verschwunden.

Randolf Seiber schließt das Fenster. Er ist zufrieden. Anja wird ihren Weg gehen, da ist er sich sicher.

Fortsetzung folgt


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