Einkreisung

Ich spüre, wie mich die Bullen einkreisen.

Heute Morgen beim Almauftrieb ist noch alles in Ordnung gewesen. Meine Frau Franziska hat das Vieh in ihrer bewährten energischen Art den Bergweg hinauf getrieben. Maria, unsere tüchtige Magd, und ich sind seitlich der Rinderherde gegangen, damit keines der Tiere ausbrechen konnte. Und Knut, unser Knecht, ist schnaufend hintendrein getrottet und hat mit seiner Schaufel die größten Hinterlassenschaften der Rindviecher vom Weg in den Graben befördert. Alles ist abgelaufen wie immer.

Doch jetzt, wo die Sonne bereits ihr orangefarbenes Abendkleid angelegt hat, ist nichts mehr so wie immer. Ich stehe hier auf dem oberen Teil der Alm und die Bullen, es sind acht an der Zahl, sind kreisförmig um mich verteilt und starren mich an.

Zwischen den Bullen hindurch kann ich gerade noch die Magd Maria erkennen, die weiter unten auf der Alm, gerade noch in Rufweite, von den weiblichen Mitgliedern unserer Rinderherde eingekreist wird. Es scheint so, als hätten die Viecher die Einkreisungsarbeit geschlechtsspezifisch aufgeteilt.

Meine Frau Franziska ist heute Abend nicht mit hoch auf die Alm gekommen. Sie hat einen Termin beim Pfarrer, der sie in die Behandlung von muslimischen Knechten einweisen möchte. Wir haben nämlich seit dem Frühjahr einige Knechte aus dem Jemen auf unserem Hof beschäftigt.

Aber „Knecht“ ist das Stichwort. Wo ist eigentlich Knut, unser Knecht, der doch mit hinauf auf die Alm gekommen ist, und übrigens nicht aus dem Jemen, sondern aus Schleswig-Holstein stammt, was ihm das tägliche zweimalige Hinaufsteigen auf die Alm beschwerlich macht, denn er ist von Haus aus keine Berge gewohnt.

Vielleicht hätte ich Knut zum Pfarrer schicken sollen und statt seiner meine geliebte und im Almaufstieg weitaus versiertere Frau mit hinaufnehmen sollen. Franziska könnte jetzt wenigstens unserer Magd Maria innerhalb des Kuhkordons beistehen.

Maria. Verdammt, sie ist meinem Blickfeld entschwunden. Da, wo ich sie eben noch gesehen habe, sind jetzt nur noch Kühe. Kühe!

Es kommt mir jetzt auch so vor, als hätten die Bullen um mich herum, den Kreis enger gemacht. Sie gewähren mir bereits einen komfortablen Einblick durch ihre Nasenlöcher. Und jetzt sehe ich auch noch die Grasreste zwischen ihren Zähnen. So nah sind sie schon.

Ich fühle Schweißperlen meine Schläfen hinunterfließen. Verflucht, was soll ich bloß tun? So eine Situation ist mir in meiner langjährigen Tätigkeit als Bergbauer noch nicht untergekommen. Hätte ich doch wenigstens das Bauernhandbuch mitgenommen und nicht aus Bequemlichkeit unten auf dem Hof gelassen, wo jetzt wahrscheinlich meine jemenitischen Knechte ihre Studien damit betrieben. Und Knut, mein norddeutscher Knecht, ist weit und breit nicht zu sehen.

Da! Jetzt sind die Bullen schon wieder einen Schritt auf mich zugegangen. Der Kreis wird immer enger.

Ich krame in meinem Hirn nach Erinnerungen daran, was unsere Lehrer in der Bauernausbildung über den Umgang mit einkreisenden Bullen gesagt haben. Meine Erinnerungen lassen mich aber im Stich.

Genau so wie meine Frau. Während ich hier auf der Alm von den Bullen erdrückt werde, philosophiert mein Eheweib lieber mit dem Pfarrer über islamische Kultur.

Ich fühle etwas Feuchtes auf meiner rechten Wange. Es muss die Zunge eines Bullen gewesen sein. Ein Schauder des Ekels überfällt mich. Ich spüre jetzt auch den Atem der Viecher in meinem Gesicht. Sie werden mich gleich fressen. Mein ganzer Körper vibriert. Vor mir wird alles Dunkel. Ich verliere die Kontrolle. Und Knut, der Knecht, ist immer noch nicht da.


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