The Clock

Robert Forster und noch viel mehr auf dem Week-End Fest am 13. und 14. Dezember 2013 in Köln

Das Line-up am zweiten Tag des Weekend-Fests

Das Line-up am zweiten Tag des Week-End Fests
(Photo: Roger Weil – Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Wegen Robert Forster bin ich hingefahren – in die Stadthalle Köln-Mülheim zum dritten Week-End Fest. Robert Forster spielt am Samstag, dem zweiten (und letzten) Tag des Festivals, also bin ich am Samstag da. Später erfahre ich, dass Robert Forster auch am Freitag schon einen kurzen Auftritt hat: er unterstützt Grant Hart bei dessen „2541“, einem Song, der auch zum Repertoire von Robert Forster gehört. Robert und Grant (wenn auch aus der Sicht eines Go-Betweens-Fans der falsche Grant) auf einer Bühne – das hätte ich vorher wissen müssen …

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Yuck und The Fall die Setlist des ersten Tages komplettieren. Bei den ruhrbaronen steht, dass Mark E. Smith (The Fall) erschreckend gealtert sei, was wohl stimmen mag, aber auch auf die Musiker des zweiten Tags und erst Recht auf die Besucher des Festivals zutrifft. Der Indie-Rock ist in die Jahre gekommen, seine Protagonisten sind grauhaarig geworden und seine Zuhörer genießen die Konzerte im Sitzen. So ist es auf dem Week-End Fest zu beobachten.

Der zweite Tag beginnt allerdings mit einer Singer/Songwriterin, die alles andere als grauhaarig ist. Mirel Wagner ist 25 Jahre jung, in Äthiopien geboren, in Finnland aufgewachsen und klingt etwas wie eine Spiritual-Folk-Sängerin aus den US-amerikanischen Südstaaten. Sehr reduziert das akustische Gitarrenspiel, betörend der Gesang, schüchtern die Performance – einfach schön. Leider sind erst wenige Zuhörer im Saal. Wahrscheinlich weil die Sängerin noch keine grauen Haare hat.

Voller wird es dann bei The Pastels. Die schottischen Schrammelpopper verzaubern den Saal mit zuckersüßen Gitarrenmelodien und wohligen Gesangsstimmen. Neben altem Material aus den 1980er und 1990er Jahren bringen die Pastels dabei auch Songs aus dem aktuellen Album „Slow Summits“ in die Köln-Mülheimer Stadthalle.

Kein neues Material haben die Young Marble Giants im Gepäck. Diese Band aus dem walisischen Cardiff spielt das 1980er Album „Colossal Youth“ in der Originalbesetzung Alison Statton (Gesang), Philip Moxham (E-Bass) und Stuart Moxham (E-Gitarre, Keyboard), ergänzt um einen diesmal menschlichen Drummer. Sie spielen das Album komplett und sonst nichts, denn es gibt sonst nichts. Das Gesamtwerk der Band besteht aus exakt den fünfzehn Stücken des ersten und einzigen Albums. Die Young Marble Giants haben 1980 dieses großartige Werk veröffentlicht und danach klugerweise darauf verzichtet, ihr Repertoire durch schlechtere Nachfolgealben zu verwässern. „Colossal Youth“ ist ein Monument des Minimalismus, die Gitarre als Rhythmusinstrument, eine karge Melodieführung durch Bass oder durch Orgel, darüber der elfenhafte Gesang von Allison Statton. Wie die Young Marble Giants ihr Meisterwerk auf die Bühne in Köln-Mülheim zaubern, das ist einfach umwerfend. Ein Konzert, das man nie vergessen wird.

Es gab mal eine deutsche Band, die einen ähnlichen Status wie die Young Marble Giants innehatten. Das „Colossal Youth“ dieser Band erschien ebenfalls 1980 (zwei Nachfolgealben in den Jahren danach zählen nicht wirklich, weil der ursprüngliche Sänger der Band hier nicht mitwirkte). Die Rede ist hier von Fehlfarben mit ihrem „Monarchie und Alltag“. Doch leider hat diese Band sich in den 1990er und dann nochmal in den 2000er Jahren wiedervereinigt und noch einige belanglose Alben veröffentlicht und noch mehr belanglose Konzerte gespielt.

Was habe ich früher diese Bands und deren Publikum gehasst, Bands die nur ihre alten sattbekannten Songs vor einem auf Wiedererkennung lauernden Publikum runterspielen. Ich weiß, wovon ich rede, ich war mal auf einem Konzert von Manfred Mann’s Earthband, es war gruselig! Und die Rolling Stones waren auch nicht besser. Es gibt auch den passenden Namen für diese Art von Musik: Oldies.

Ich möchte nun keineswegs die wirklich exzellenten Bands des Week-End Fests mit den abgetakelten Oldie-Bands vergleichen, aber ich merke, wie in mir auf einmal auch eine Haltung wächst, nur die alten Songs der alten Bands hören zu wollen. Ich will keine neuen Songs der Young Marble Giants und der Pastels, auch Robert Forster braucht von mir aus keine neuen Alben rauszubringen, solange er auch ohne diese regelmäßig hierzulande Konzerte gibt. „Fuck off neue Songs!“, ruft es in mir. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich inzwischen selbst alt geworden bin. Ein weiteres: zum ersten Mal sitze ich bei einer Rockkonzertveranstaltung den ganzen Abend und das ist mir sehr angenehm. Ich freue mich jetzt schon auf das nächste Week-End Fest. Ein Festival, auch das ist bemerkenswert, bei dem kein einziger Betrunkener oder Drogenberauschter zu sehen ist, was von mir ebenfalls als wohltuend empfunden wird.

Als abschließender Höhepunkt des dritten Week-End Fests betritt dann gegen zwanzig nach elf Robert Forster die Bühne. Gitarrenspielt und singt „Rock ’n‘ Roll Friend“ und „I’ve Been Looking for Somebody“. Und mit dem dritten Song setzt dann eine ganz besondere und so nicht wiederholbare Show ein. Robert Forster holt Jherek Bischoff auf die Bühne. Jherek Bischoff ist ein Musikarrangeur, Komponist und Multi-Instrumentalist aus Seattle und hat Stücke aus dem Werk von Robert Forster für ein Streichquartett arrangiert. Noch zwei Songs („I Can Do“ und „Surfing Magazines“) mit Jherek Bischoff am Kontrabass und dann kommt das Streichquartett.

Der Radio-DJ und Musikjournalist Klaus Walter, auch er unter den Zuhörern in der Köln-Mülheimer Stadthalle, hat im Vorfeld des Week-End Fests in seiner Radiosendung „Was ist Musik“ von seiner Angst gesprochen, dass die Geschichte mit Robert Forster und dem Streichquartett schief gehen könnte, wie ja so oft die Kooperation zwischen Pop und Klassik, resultierend aus einem Nobilitätsdrang so mancher Popmusiker, peinlich scheitert. Die Sorgen von Klaus Walter erweisen sich an diesem Abend als unbegründet. Robert Forster und Streichquartett – das flutscht. Es findet zum Glück keine Verklassifizierung von Robert Forster statt, sondern eher eine Verpoppung des Streichquartetts: Lola Rubio an der ersten Violine, Kalliopi Mitropoulou an der zweiten Violine, Elisa Becker-Voss an der Viola und Ruben Palma am Cello.

Es zeigt sich aber auch Robert Forsters superbes Songwriting in den sechs aufgeführten Go-Betweens-Stücken „He Lives My Life“, „The House That Jack Kerouac Built“, „Here Comes a City“, „In Her Diary“, „Draining the Pool for You“ und „People Say“. Danach das bewegende, an den Tod von Grant McLennan erinnernde „From Ghost Town“, zu dem auch Mirel Wagner als Backgroundsängerin noch einen Einsatz auf der Bühne hat, und das selten gespielte „Dear Black Dream“, das mit den legendären Zeilen „Wondering who sings better in the dark, is it Townes Van Zandt, or is it Guy Clark?“ endet.

Das prächtige „The Clarke Sisters“ aus dem 1987er Go-Betweens-Album „Tallulah“ rundet die Setlist des Konzerts ab. Damit sind alle Stücke gespielt, die dieses außergewöhnliche Ensemble in einer nur viertägigen Probenzeit einstudieren konnte. Als Zugaben noch „Spring Rain“, von Robert Forster solo vorgetragen, und „Here Comes a City“ ein zweites Mal und von allen Musikern mit noch mehr Inbrunst als zuvor gestrichen, gezupft, geklopft und gesungen. Jetzt sitzt auch niemand im Publikum mehr auf seinem Stuhl. Man sieht Massen von grauhaarigen Menschen zu einem Streichquartett rumflippen. Ein phantastisches Bild! Was für ein Abend!

Und Jherek Bischoff … ist eine verdammt coole Socke.

Robert Forster, Jherek Bischoff und das Streichquartett mit dem Song „Draining the Pool for You“ auf dem Week-End Fest (Eingebettetes Vimeo-Video)

Hier die Setlist von Robert Forster im Überblick:

01. Rock ’n‘ Roll Friend (Robert solo)
02. I’ve Been Looking for Somebody (Robert solo)
03. I Can Do (Robert + Jherek)
04. Surfing Magazines (Robert + Jherek)
05. He Lives My Life (Robert, Jherek + Streichquartett)
06. The House That Jack Kerouac Built (Robert, Jherek + Streichq.)
07. Here Comes a City (Robert, Jherek + Streichquartett)
08. In Her Diary (Robert, Jherek + Streichquartett)
09. Draining the Pool for You (Robert, Jherek + Streichquartett)
10. People Say (Robert, Jherek, Streichquartett + Mike Donovan)
11. From Ghost Town (Robert, Jherek, Streichquart. + Mirel Wagner)
12. Dear Black Dream (Robert, Jherek + Streichquartett)
13. The Clarke Sisters (Robert, Jherek + Streichquartett)

(Zugaben)
14. Spring Rain (Robert solo)
15. Here Comes a City (Robert, Jherek + Streichquartett)

Siehe auch:
Spirit
Magic in Here


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